Wohnungen
© Gubin Yury / Shutterstock.com
SERIE: Kommunale Digitalstrategien

Vermietern die Skepsis nehmen und Wohnraum für Bleibeberechtigte schaffen

"Raumfrei" und das Neusäßer Konzept

Nach dem Erhalt ihres Anerkennungsbescheid durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eröffnet sich für die Bewerber ein neues Problem: die Wohnungssuche. Anerkannte Asylbewerber müssen schnellstmöglich die staatliche Unterkunft verlassen und eine eigene Wohnung beziehen, werden jedoch meist als Mieter benachteiligt. Das Neusäßer Konzept und die Wohnraumbörse des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen sollen das ändern.

In Bayern sind über 6.000 anerkannte Asylbewerber auf Wohnungssuche. Die staatlichen Unterkünfte sind nach Erhalt des Bescheids schnellstmöglich zu räumen. Jedoch müssen viele anerkannte Asylbewerber in den Unterkünften verbleiben, da sie keine Wohnung finden. Dafür hat sich bereits ein bürokratischer Fachbegriff etabliert: „Fehlbeleger“. Um diesen Problem entgegenzuwirken, wurden in einigen bayerischen Landkreisen Wohnungsbörsen eingerichtet.

Wohnungsbörsen nach Passauer Konzept

Der Landkreis Passau gilt in Sachen Wohnungsbörse als Best-Practice-Modell. Die Niederbayern bieten ein Formular für Vermieter an, um ihre Wohnung Geflüchteten zur Verfügung zu stellen und weisen dabei auf die Mietvorgaben des Jobcenters hin. Weitere Landkreise im Freistaat wie Dachau, Starnberg, Coburg  und Unterallgäu haben dieses Konzept übernommen.

Raumfrei logo
Raumfrei kombiniert die Wohnungsbörse nach Passauer Modell mit der Integreat App.
© Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen

„Das Projekt Raumfrei ist als Idee auf einem Dialogforum entstanden, nachdem eine Kommune von einem digitalen Briefkastenansatz in Passau erzählte, der von der Landesregierung zu dem Zeitpunkt finanziell gefördert wurde“, erklärt Daniel Kehne, Projektkoordinator von Integreat.

Bisher dienen diese Börsen jedoch hauptsächlich zur Kontaktaufnahme zwischen Vermietern und ehrenamtlichen Mitarbeitern - nicht aber mit den tatsächlichen Wohnungssuchenden. "Raumfrei", die Lösung des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen, geht hier einen Schritt weiter: Geflüchtete können selbst mit Vermietern in Kontakt treten.

Raumfrei: Wohnbörse trifft auf Integreat App

Die Online-Plattform raumfrei.neuburg-schrobenhausen.de startete im Juli 2018 und dient dazu, Wohnungsannoncen zu schalten. Wie auch im Passauer Modell werden den Vermietern Orientierungshilfen zu angemessenen Miet-, Heiz- und sonstigen Kosten an die Hand gegeben.

Richtlinien Miete
Richtlinien für Miet-, Heiz- und sonstige Kosten nach Jobcenter im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen .
© Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen

Der Landkreis habe geprüft, wie sie eine Wohnbörse umsetzen könnten und Integreat als Partner angefragt. 

Die Applikation stellt Geflüchteten Informationen zum Eintritt in den Arbeitsmarkt, Sprachlernförderung und Wohnraum transparent dar und wird mittlerweile in über 40 Kommunen eingesetzt. Der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen arbeitet bereits seit August 2017 mit dem Augsburger Start-up zusammen. Die Nutzer können die Wohnungsbörse innerhalb der Applikation verwenden und so selbst aktiv werden.

 

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Anwendung in weiteren Kommunen geplant

Auch in Bayreuth wurde eine ähnliche Börse implementiert, jedoch funktioniert hier die Verknüpfung mit Integreat noch nicht. „Seit der offiziellen Bewerbung Mitte Juli gab es Anfragen aus vier weiteren Kommunen. In zwei Kommunen davon steht die Umsetzung kurz vor dem Start.“

Außerdem ist die Zusammenarbeit mit einer größeren Verwaltungseinheit um ein GIS-System für über 50 Kommunen in der Integreat-App nutzbar zu machen.  Dieses Projekt soll 2019 starten.

Mietchancen verbessern

Der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen bietet regelmäßig Schulungen an, um Geflüchtete entsprechend vorzubereiten, denn viele Vermieter stehen diesen potenziellen Mietern skeptisch gegenüber. Kulturelle Unterschiede, Sprachbarrieren und Finanzierung führen schnell zur Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt. Das Neusäßer Konzept bereitet Geflüchtete auf den Kontakt mit Vermietern vor.

Die Wohnungssuche ist ein hochbürokratischer Akt: alle nötigen Papiere zusammen sammeln, bei kleineren Einkommen oder ersten Arbeitsvertrag Bürgen hinzuziehen, lange Mietverträge, Kaution stellen sowie An- bzw. Ummelden nach Einzug. Auch ohne Fluchthintergrund ein mühseliger Prozess!

Neusäßer Konzept
Zur Selbsthilfe verhelfen und Vorurteile auf Vermieterseite abbauen - das verspricht das Neusäßer Konzept.
© Mieterqualifizierung Neusässer Konzept

Schulungen nach dem Neusäßer Konzept bieten Geflüchteten an diesem Punkt Hilfe.  Teilnehmern wird Basiswissen im Mieterverhalten, Kommunikation mit dem Vermieter sowie Rechte und Pflichten vermittelt.

Bleibeberechtigten zur Selbsthilfe verhelfen

In fünf Modulen à zwei Stunden erhalten Geflüchtete ein Verhaltenstraining, Telefonleitfaden, werden im Verstehen von Wohnungsinseraten geschult, auf die Wohnungsbesichtigung vorbereitet und für Mietverträge und Datenschutz sensibilisiert.

Im Rahmen der Schulungen erstellen die Teilnehmer eine Vorstellungsmappe für Wohnungsbewerbungen bestehend aus:

• Kurzportrait Mieter

• Nachweis Haftpflicht

• Kopie Aufenthaltsstatus

• Teilnahmebestätigung Mieterschulung mit Lerninhalten

• Zertifikat Sprachlevel

 • Ggf. Arbeitsvertrag

• Bestätigung Mietübernahme Jobcenter

• Polizeiliches Führungszeugnis

• Schufa Datenübersicht §34 BDSG

• Mietschuldenfreiheitsbescheinigung

Außerdem erhalten die Geflüchteten ein 52-seitiges Schülerbuch. Gestartet ist das Neusäßer Konzept durch die ehrenamtliche Tätigkeit von Susanne Kern und Uwe Krüger in der Flüchtlingshilfe Neusäß. Die Schulungen sollen Vorurteile bei Vermietern abbauen, Geflüchteten zur Selbsthilfe helfen und so deren Chancen im Wohnungsmarkt verbessern.

Mit allen nötigen Unterlagen und wertvollen Wissen zur Hand, können sich Geflüchtete auch in Zukunft erfolgreich auf Wohnungen bewerben. Sie werden unabhängiger von ehrenamtlichen Mitarbeitern und können selbstständig agieren.

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