Integration; Stadt Köln; Verwaltung; Öffentlicher Dienst; Migration; Flüchtlinge; Ausbildung; Praktikum
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In Kooperation und mit Anschub

Kölns Verwaltung integriert seit elf Jahren Jugendliche aus "schwierigen Verhältnissen" - alles ohne Subventionen

Jugendlichen aus sozial schwachen Verhältnissen und jungen Menschen mit Migrationshintergrund eine Chance geben – das war erstmals 2007 das Ziel eines Kölner Projekts. Seither haben viele Dutzend Auszubildende zuerst ein Praktikum begonnen und dann ihre Verwaltungslehre bei der Stadt absolviert. Einige konnten mittlerweile bis in den gehobenen Dienst aufrücken. Von den kulturellen und sprachlichen Fähigkeiten profitiert auch die Stadt, zum Beispiel im Umgang mit Flüchtlingen.

Drei Säulen

Das Kölner Integrationsprojekt stellt laut §§ 68– 70 Berufsbildungsgesetz eine Berufsausbildungs-vorbereitungsmaßnahme dar. Es basiert auf:

  1. Praktikum, in dem die Projektteilnehmer erste praktische Erfahrungen in einer Dienststelle machen;
  2. Praxiseinsatz durch die Vermittlung theoretischer Grundlagen am Rheinischen Studieninstitut für kommunale Verwaltung in Köln;
  3. Intensive Begleitung durch engagierte Fachkräfte des Personal- und Verwaltungsmanagements, die über die eigentliche Betreuung der Dozenten und Ausbilder hinausgeht. 

Wer in der Schule Probleme hat, findet danach oft auch nicht einfach so eine Ausbildungsstelle. Ähnliches gilt für viele junge Menschen, die sich erst seit einigen Jahren in Deutschland aufhalten. „Selbst wenn sie ehrgeizig sind und eine berufliche Integration ernsthaft anstreben, haben sie aufgrund ihrer sprachlichen Defizite vielfach kaum eine Chance auf dem Ausbildungsmarkt“, erklärt Thorsten Heinrich, stellvertretender Ausbildungsleiter der Stadt Köln. Die Stadt wollte 2007 mit einem Modellprojekt gesellschaftspolitisch gegensteuern. In diesem Jahr wird es bereits zum elften Mal aufgelegt. Ohne Förderung, dafür in Kooperation.

Stadtverwaltung, Jobcenter, Studieninstitut

Eine Subvention durch den vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanzierten Gemeinschaftsinitiative EQUAL war zwar seinerzeit angedacht. Die Mittel seien aber an bestimmte und sehr enge Voraussetzungen gebunden gewesen und für Kommunen ohnehin schwierig zu erlangen, so Heinrich. „Die Stadt Köln hat dann nach eingehender Prüfung beschlossen, das Projekt von Anfang an selbst zu stemmen.“ Ganz allein war man dabei nicht: Auf Basis eines „Letter of Intent“ vereinbarte die Dom-Stadt eine Zusammenarbeit mit dem Jobcenter U25 sowie mit dem Rheinischen Studieninstitut für kommunale Verwaltung in Köln.

Thorsten Heinrich; Ausbildungsleiter Stadt Köln; Integration; Projekt
Thorsten Heinrich ist stellvertretender Ausbildungsleiter der Stadt Köln.
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Einstellungstest und „Orientierungs-Assessment“

Das Programm ist auf 19 bis 25 Plätze begrenzt und daher an Kriterien geknüpft. Neben einem Migrationshintergrund bzw. einer ausländische Herkunft jedweder Nationalität müssen die Teilnehmer zwischen 17 und 25 Jahre alt sein und einen Realschulabschluss haben. Frühere Zeugnisnoten nehmen einen niedrigeren Stellenwert ein als in herkömmlichen Bewerbungsverfahren. Dafür müssen Interessierte im Voraus einen Einstellungstest absolvieren.

Diese computergestützte Überprüfung findet grundsätzlich in Deutsch sowie in begründeten Einzelfällen in anderen Sprachen statt und soll zunächst das Lernpotential ermitteln. Die Schwerpunkte liegen auf dem Verständnis der deutschen Sprache sowie auf der generellen Lernfähigkeit und dem rechnerischen Denkvermögen. Wer den Test besteht, wird zu einem zweitägigen Orientierungs-Assessment in das Berufsförderungswerk Michaelshoven im Kölner Süden eingeladen. Dort stellt die Stadt sicher, dass die Anforderungen an die verschiedene Berufsprofile für Verwaltungsfachangestellte mit den Fähig- und Fertigkeiten der Bewerber übereinstimmen.

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Auch im täglichen Publikumskontakt in den Kundenzentren oder im Ausländeramt sind die sprachlichen Fähigkeiten sehr von Nutzen.

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Praktika im Kundenzentrum, Ordnungsamt und Verkehrsdienst

Für den handwerklich-technischen Bereich werden etwa Merkmale getestet wie „Konzentration/Genauigkeit“ und „Technisches Verständnis/räumliches Vorstellungsvermögen“. Im kaufmännisch-verwaltenden Bereich geht es um Eigenschaften wie „Umgang mit dem PC und Excel“, „Logisches Denken/kaufmännische Problemlösungen“ und „Strukturiertes Vorgehen/Arbeitsplanung“. Zusätzlich werden personale Kompetenzen (z.B. Motivation, Selbständigkeit), soziale Kompetenzen (Kommunikations- und Teamfähigkeit) und methodische Kompetenzen (z.B. Lern- und Problemlösefähigkeit) sowie die Art der Arbeitsausführung überprüft. 

Nach erfolgreichem Bestehen gelangen die Aspiranten in eine „Berufsausbildungsvorbereitungsmaßnahme“ – ein Praktikum. Je nach Berufswunsch können sie zwischen Einsatzstellen etwa im Kundenzentrum, im Ordnungs- und Verkehrsdienst oder im Jobcenter wählen. Vor Ort erhalten die junge Leute Einblicke in die ausbildungsrelevanten Aufgabenbereiche der Stadtverwaltung, dazu gehören Personal/Organisation, Finanzen, Recht/Sicherheit/Ordnung oder Soziales.

Integrationsprojekt; Stadt Köln; Stadtverwaltung; Ausbildung
Seit 2007 werden junge Menschen mit Migrationshintergrund dabei unterstützt, den Einstieg in die Kölner Stadtverwaltung zuschaffen. Durch den Flüchtlingszustrom hat sich eine zusätzliche Zielgruppe ergeben.
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Vier Tage Praxis, ein Tag Unterricht

Ziel ist es, die Sachbearbeitung des mittleren Verwaltungsdienstes in der Praxis kennenzulernen. Das passiert an vier Tagen in der Woche. „Bei guter Leistung auf der Einsatzstelle und im Unterricht erhalten sie die Option, in eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte bzw. Verwaltungsfachangestellter übernommen zu werden“, erklärt Heinrich, der auf der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Köln studiert hat. „Dieses Berufsbild entspricht in fast allen Fällen den Wünschen der Bewerber.“ Und dann ist da noch der Unterricht am Rheinischen Studieninstitut für kommunale Verwaltung.

Der Unterricht soll Defizite in Deutsch und Mathematik beseitigen und findet in der Regel einmal pro Woche statt. Hinzu kommen verwaltungsspezifische Fächer wie Staatsrecht, Kommunalrecht und Organisation. Zu Beginn erhalten die Teilnehmer außerdem eine Einführung in „Handlungs- und Sozialkompetenz“, die beim persönlichen und telefonischen Umgang mit Kunden helfen soll.

Erfolgsquoten des Kölner Integrationsprojekts

Jahr          

 

Aufnahmen ins Projekt        

 

Ausbildungs-übernahmen

 

2008 21 15 (71%)
2009 19 17 (89%)
2010 18 13 (72%)
2011 19 14 (74%)
2012/1 24 20 (83%)
2012/2 24 20 (83%)
2013 25 12 (48%)
2014 25 14 (56%)
2015 20 (18*) 12 (67%)
2017 24 (23*) 22 (96%)
2018 19 läuft noch

 

*absolvierten den Abschlusstest

Quelle: Stadt Köln

Intensive Betreuung, am Ende ein Abschlusstest

Während des Praktikums ist eine intensive Betreuung notwendig, unterstreicht der Verwaltungswirt. Schwächen im Arbeits- und schulischen Bereich müssten frühzeitig erkannt und die Kommunikations- und Teamfähigkeit beurteilt werden. „Das alles kann durch einen fortlaufenden Kontakt der Ausbildungsleitung zu den jeweiligen Ausbildern der Einsatzstellen sowie zu den Lehrkräften des Rheinischen Studieninstitutes gewährleistet werden.“ Im Personal- und Verwaltungsmanagement stehe den Jugendlichen zudem eine geschulte Kollegin zur Seite, auch für private Belange. Heinrich: „Es ist bekannt, dass Probleme zu Hause in starkem Maß Einfluss auf die Arbeitsleistung nehmen können.“ Selbst Coaching-Termine lassen sich vereinbaren.

ALG-II-Bezüge plus 160 Euro und Jobticket

Zum Ende absolvieren alle Praktikanten eine Abschlussprüfung, die dem Einstellungstest des herkömmlichen Bewerbungsverfahrens zum Verwaltungsfachangestellten entspricht. Bei guten Resultaten, guter charakterlicher Eignung sowie guten praktischen und schulischen Leistungen erhalten die Teilnehmer ein Ausbildungsangebot. Dafür müssen die Jugendlichen zudem mindestens das C1-Sprachniveau erfüllen, um auch hier ein späteres Scheitern in der Ausbildung möglichst zu vermeiden.

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Der charmante Nebeneffekt sind tolle neue Kolleginnen und Kollegen für unser Haus, wenn sie die Ausbildung geschafft haben.

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Olaf Wagner, Geschäftsführer Jobcenter U25, Köln
Jobcenter; ALG II; Projekt; Stadt Köln; Integration; Flüchtlinge; Migrationshintergrund; Öffentlicher Dienst; Verwaltung
Partner der Stadt Köln: das Jobcenter U25 am Wiener Platz in der Dom-Stadt.
© Jobcenter Köln

Die Vereinbarung der drei Partner legt fest, dass die jungen Menschen zum Großteil aus den Reihen der Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG-II/HartzIV) akquiriert werden. Das Jobcenter Köln übernimmt deshalb die Finanzierung des Lebensunterhaltes über SGB-II für die gesamte Projektdauer. Darüber hinaus zahlt die Stadt eine Aufwandsentschädigung von monatlich 160 Euro, die nicht auf die ALG-II-Bezüge angerechnet werden. Außerdem erhalten die Teilnehmer schon während des Praktikums ein Job-Ticket.

Ziel: Integration in den 1. Arbeitsmarkt

Das Jobcenter beteiligt sich seit Jahren an dem Programm, weil durch die Zusammenarbeit junge ALG-II-Empfänger wieder oder erstmals in das Arbeitsleben integriert würden. Dabei gehe es nicht um eine

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sondern um die Einführung in den 1. Arbeitsmarkt, unterstreicht Olaf Wagner, Geschäftsführer des Jobcenter Köln. „Das ist eine individuelle Arbeit, die viel Freiheiten, Mut und Ressourcen verlangt. Nur so kann man Menschen mit Migrationshintergrund fördern und ihnen einen Arbeitsplatz ermöglichen.“ Wagner sieht noch eine Bereicherung des Projekts:  „Der charmante Nebeneffekt sind tolle neue Kolleginnen und Kollegen für unser Haus, wenn sie die Ausbildung geschafft haben.“

Hilfe während des Flüchtlingszustroms

Die Stadt Köln profitiere in allen Arbeitsbereichen von den interkulturellen und sprachlichen Fähigkeiten der Teilnehmer. Das habe sich z. B. während der Spitzenzeiten des Flüchtlingsstroms gezeigt, als die sprachlichen Fähigkeiten einiger Teilnehmer zum Einsatz kamen, erklärt Heinrich. „Viele von ihnen haben bei der Begrüßung und Verteilung der geflüchteten Menschen an der Drehscheibe Flughafen Köln/Bonn geholfen und konnten dabei ihre jeweilige Muttersprache einbringen. Auch im täglichen Publikumskontakt in den Kundenzentren oder im Ausländeramt sind die sprachlichen Fähigkeiten sehr von Nutzen.“

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