Forum individuelle Förderung
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SERIE: Rund um den 4. Gesellschaftlichen Dialog Migration & Integration

Modelle zur individuellen Förderung von Flüchtlingen

Arbeitsmarktintegration im Spannungsfeld zwischen Hochschulabsolventen und Analphabeten

Die Bundesagentur für Arbeit hat im Jahr 2018 die berufliche Qualifikationsstruktur für Arbeitslose aus Asylzugangsländern erhoben. Für 87% der Asylbewerber liegen keine formalen Bildungszertifikate vor, teilweise sind unter den Geflüchteten Analphabeten. Dem gegenüber stehen 8 % mit einem Hochschulabschluss und 3% mit einer schulischen oder betrieblichen Ausbildung. Langfristiges Ziel für alle: einen Arbeitsplatz finden und sich bzw. die Familie eigenständig finanzieren.
Podium Forum III.2 GDMI
Auf dem Gesellschaftlichen Dialog Migration und Integration Anfang November diskutieren (v.l.n.r.) Dr. Sebastian Muschter (Bertelmann-Stiftung), Manuela Möller (EAF), Yazan Alrefai (TU Berlin), Christian Müller (DAAD), Alev Deniz (IQ) und Elena Kovalchuk-Völler (Jobcenter Landkreis Osnabrück) mit Moderatorin Carolin Wälz-Fabregon (ORS) über individuelle Fördermöglichkeiten für Flüchtlinge.
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Welche Möglichkeiten gibt es in Deutschland Geflüchtete  mit verschiedenen Bildungsgraden und Qualifikationen zu fördern? Wie funktionieren Anerkennungsverfahren und Kompetenzerfassung?  Wie nimmt das deutsche Fördersystem auf posttraumatische Störungen, schwierige (Familien-)Verhältnisse,  aber auch Talente Rücksicht? Experten aus der Praxis der Arbeitsmarktintegration tragen die individuellen Fördermöglichkeiten zusammen und besprechen, wie diese in Zukunft noch besser ausgestaltet werden können.

Nicht-zertifizierte Kompetenzen erkennen

Deutschland ist extrem an formalen Abschlüssen orientiert, in Ländern wie Dänemark oder der USA sei das anders, so Dr. Sebastian Muschter. Der ehemalige kommissarische Präsident und Krisenmanager des LAGeSo stellt anhand neuerer Zahlen der Bundesagentur für Arbeit fest: Auch ohne formalen Abschluss gelingt es vielen Flüchtlingen sich im betrieblichen Umfeld zu beweisen. „Zwar haben viele Bleibeberechtige keine formale Ausbildung, aber Berufserfahrung.“ Um nicht-zertifizierte Kompetenzen zu erkennen, bieten Bertelsmann-Stiftung  und Jobcenter verschiedene Tests an.

Dr. Sebastian Muschter
Dr. Sebastian Muschter ist Senior Vice President für Transfer & Scale bei der Bertelsmann-Stiftung.
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Berufe in Bildern

Auf meine-berufserfahrung.de können Arbeitssuchende ohne formale Bildungs- und Berufsabschlüsse ihre Eignung für acht Berufsgruppen  testen:

  • Bauten- und Objektbeschichter/in
  • Fachkraft Metalltechnik - Fachrichtung Konstruktionstechnik
  • Hochbaufacharbeiter/-in - Schwerpunkt Maurerarbeiten
  • KFZ-Mechatroniker/-in - Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik
  • Koch/Köchin
  • Landwirt/-in
  • Tischler/-in
  • Verkäufer/-in

Die Berufsbilder werden mithilfe von Arbeitssituationen dargestellt. Für den Beruf des Kochs werden zum Beispiel verschiedene Fertigkeiten wie die Zubereitung von Fleisch oder Gemüse, das Zusammenstellen einer Wochenkarte, Personalplanung, Warenbestellung oder Kundenkontakt gezeigt. Der Getestete kann angeben, wie oft er diese Tätigkeit durchgeführt hat. Auf Basis dieser Antworten wird ein Leistungsprofil erstellt. Im Fall eines Kochs etwa wird die Eignung für verschiedene Berufe der Gastronomie aufgeführt. Mit dem Resultat wird der Teilnehmer an das „MYSKILLS“-Programm des Jobcenters verwiesen.

meine-berufserfahrung.de
Über einfache Berufssituationen kann der Geflüchtete auf meine-berufserfahrung.de seine Fähigkeiten festhalten.
© Bertelsmann-Stiftung

„work first“ für Ungelernte und nicht-zertifizierte Berufserfahrene

MYSKILLS ist ein Programm, um Berufserfahrung trotz fehlender oder nicht-deutscher Zertifikate einzustufen. Der vierstündige Test wird in sechs Sprachen (Deutsch, Englisch, Farsi, Arabisch, Russisch, Türkisch) angeboten. Der Teilnehmer beantwortet Fachfragen, die zum besseren Verständnis mit Bild- und Videomaterial unterlegt sind.

Beispiel einer Fachfrage aus dem MYSKILLS-Test
Beispiel einer Fachfrage aus dem MYSKILLS-Test
© Bertelsmann-Stiftung

Fällt der Test positiv aus und der Vermittler stuft den Arbeitssuchenden als kompetent ein, kann dieser an einem einwöchigen Trainingscenter direkt im Betrieb teilnehmen. So wird auch Geflüchteten mit nur sehr geringen Sprachkenntnissen die Möglichkeit geboten, schnell in Arbeit zu kommen. Die Sprache kann dann im Beruf im Kontakt mit Kollegen weiter ausgebaut werden. Diesen sogenannten „work first“-Ansatz erachtet Muschter besonders für „Ungelernte“ oder nicht-zertifizierte Berufserfahrene als sinnvoll. Die Einstellung über das MYSKILLS-Programm ist stark vom Ausbildungsbetrieb abhängig. Geflüchtete, die den Arbeitgeber wechseln, müssen ihre Fachkompetenz erneut unter Beweis stellen und sich „hocharbeiten“.

Kompetenzbestimmung mit IQ-Netzwerk

Innerhalb des Förderprogramms "Integration durch Qualifizierung" (IQ) können Geflüchtete persönliche Stärken und Potenziale erfassen. Am Ende der Kompetenzfeststellung erhält der Teilnehmer, anders als beim MYSKILLS-Programm, eine Zertifizierung.  

Zur Kompetenzbestimmung bietet das IQ-Netzwerk ein Zwölf-Schritte-Programm an. Das Programm besteht aus verschiedenen Elementen, wie Beratungsgesprächen, Bestimmung von personellen, sozialen und Fachkompetenzen durch Kompetenzkarten, Programme zur Selbsteinschätzung sowie praktischen Tests in Werkstätten und Betrieben. Diese Verfahren greifen dann, wenn keine dem deutschen Bildungssystem ähnlichen Abschlüsse vorliegen. Sind diese vorhanden, kann der Geflüchtete ein Anerkennungsverfahren einleiten.

Integration durch Qualifizierung  Kompetenzerfassung
Ein Zwölf-Schritte-Programm stellt die Kompetenzen fest und zertifiziert die Geflüchteten.
© Landesnetzwerk Berlin im Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)"

Rechtsanspruch aus Anerkennungsverfahren

„Seit 2012 gibt es das Anerkennungsgesetz. Jeder Migrant hat Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren“, erklärt  Alev Deniz, Leiterin des Berliner Landesnetzwerks im Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ (IQ). Immer wieder betont die Mitarbeiterin der Senatsverwaltung, dass sich das Verfahren lohne. Bis zu zwei Drittel der Anträge würde anerkannt. Allerdings komme das Verfahren mit langen Wartezeiten und Kosten. Jedem Flüchtling steht ein Bundeszuschuss von 600 Euro für die Beglaubigung eines Abschlusses zu. Auf Berliner Landesebene könne eine Förderung von bis zu 10.000 Euro für Lebensunterhalt bis zur Anerkennung beantragt werden. In Hamburg und Baden-Württemberg gibt es ähnliche Programme. Die Programmleiterin empfiehlt den Geflüchteten meist, die Wartezeit zum Spracherwerb zu nutzen.

Professionalisierung der Migrantenorganisationen

Alev Deniz
Alev Deniz ist , Leiterin des Berliner Landesnetzwerks im Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ (IQ) in der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales Berlin.
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Das größte Problem sieht Deniz in den Beratungsstrukturen und der Auslastung der Behörden. Für die Individualberatung von Kompetenzerfassung und Anerkennung stehen kaum Mitarbeiter zur Verfügung. Daher fordert Deniz die Professionalisierung von Migrantenorganisationen, die im Fallmanagement helfen. Der Vorteil: Beratung aus einem ähnlichen Kulturkreis, auf Augenhöhe und in über zehn Sprachen. Eine Aufnahme der Migrantenorganisationen im Berliner Landesnetzwerk ist daher für die Programmleiterin vorstellbar.

Individuelle Betreuung durch Jobvermittler

Elena Kovalchuk-Völler ist  Bereichsleiterin für Vermittlung, MaßArbeit kAöR im Jobcenter des Landkreises Osnabrück. Ihre Aufgabe ist es Geflüchtete so schnell wie möglich in Arbeit zu vermitteln, unabhängig vom Bildungsgrad: „Ein Jurist aus Syrien wird hier nicht als Jurist arbeiten können,  jedoch ist er  trotzdem anders zu behandeln als ein Analphabet.“

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Ein Jurist aus Syrien wird hier nicht als Jurist arbeiten können,  jedoch ist er  trotzdem anders zu behandeln als ein Analphabet.

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Elena Kovalchuk-Völler

lhre Vermittler müssen auch auf Sprachkenntnisse, Vorgeschichte, Traumata und Familiensituation Rücksicht nehmen. „Jeder ist vermittelbar, aber auch die Nachbetreuung ist enorm wichtig.“ Als eines der größten Probleme in der individuellen Betreuung durch das Jobcenter sieht Kovalchuk-Völler die fehlende Sprachkompetenz der Mitarbeiter. Zwar können Dometscher auch per Video-Übertragung Gespräche in eine konstruktive Richtung führen. Die größten Erfolge zeigten sich jedoch mit qualifizierten Fachkräften in den Behörden vor Ort, die arabisch oder bulgarisch sprechen.

Ein Studium ist nicht die erste Maßnahme

Elena Kovalchuk-Völler
Elena Kovalchuk-Völler ist Bereichsleiterin für Vermittlung, MaßArbeit kAöR im Jobcenter des Landkreises Osnabrück.
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Dem Jobcenter liegen Vergleichsmodelle für verschiedene Bildungssysteme vor, die zur Kompetenzeinschätzung herangezogen werden. Der Bereichsleiterin fällt immer wieder auf, dass das Studium bei Geflüchteten einen hohen Stellenwert einnimmt. Die berufliche Ausbildung ist noch nicht in den Köpfen angekommen. Auch hier müsse individuelle Beratung durch Vermittler greifen. Ist ein Studium wirklich sinnvoll? Führt es letztendlich in Arbeit? Wie wird es finanziert? Besonders in monetären Fragen wünscht sich Kovalchuk-Völler für Geflüchtete mehr Transparenz der Fördersysteme.

Zwar müsse das Jobcenter den Studienwunsch ernstnehmen, dies sei allerdings nicht die erste Maßnahme, um einen Geflüchteten zu vermitteln.

Mit dem DAAD ins Studium

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) verhilft Migranten zum Studium an einer deutschen Hochschule. Der Verein agiert zwischen Geflüchteten und Geldgebern und verhilft so zu kostenlosen Anerkennungsverfahren von Schul- und Hochschulabschlüssen.

Außerdem unterstützt der DAAD an 170 Hochschulen 600 studentische Initiativen, die Flüchtlinge einbinden. Mit dem INTEGRA-Programm erhalten zugewanderte Studieninteressierte Einführungskurse auf das Studium. Inhalte sind die sprachliche und fachliche Vorbereitung, Hinweise zum wissenschaftlichen Arbeiten sowie Systemwissen für den Studienverlauf an der Universität.

DAAD
Der DAAD finanziert Anerkennungsverfahren für Geflüchtete und unterstützt Studierenenden-Initiativen.
© Deutscher Akademischer Austauschdienst e.V. (DAAD)

Bisher haben etwa 20.000 Personen den Kurs besucht, gibt Christian Müller, Stellvertretender Generalsekretär des DAAD an. Mittlerweile sind 6.000 Flüchtlinge  immatrikuliert, die am Programm teilgenommen haben. Im Jahr 2018 werden sich nach Schätzungen des Generalsekretärs etwa 10.000 weitere Personen in dieses Kurs-Programm einschreiben.

Sprachkenntnisse und Anerkennung über die Hochschule

Yazan Alrefai ist syrischer Studierender an der TU Berlin und macht auf die akademische Sprachverbindung aufmerksam. In den Sprach- und Integrationskursen des BMI erhielt er nicht das nötige Wissen zur Studienvorbereitung und wechselte daher nach dem ersten Sprachmodul an die Kurse der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Dort erlangte er innerhalb eines Jahres das C1 Sprachniveau. Sein Abitur konnte er über das Studiumkolleg anerkennen lassen, eine Institution die bei der Anerkennung von Abschlüssen noch wenig Anlauf findet.

Förderung für junge, geflüchtete Frauen

Elena Kovalchuk-Völler verdeutlicht, dass geflüchtete Frauen schlechter vermittelt werden als Männer. Hier fehle es an Angeboten. Das fünfmonatige Programm „Open doors – open mind“ der Europäischen Akadamie für Frauen in Politik und Wirtschaft vermittelt jungen Frauen politische Bildung, praktische Berufserfahrung und hilft bei der Identitätsfindung. „Integration ist nicht nur eine Frage der Arbeit und Sprache“, hebt Manuela Möller, Director der EAF, hervor.

Auch Meinungsfindung und Rollenverständnis spiele in dieser Zielgruppe eine enorme Rolle. Die Akademie hilft Frauen, in Praktika in der Politik, bei Stiftungen und in der freien Wirtschaft zu gelangen. Trotz der bestehenden Qualifizierung sei die Vermittlung der jungen Frauen schwierig, so Möller. Neben der angesprochenen Indentitätsfindung müssten auch die Position in der Familie und der Kulturraum berücksichtigt werden. Das soziale Umfeld der Frauen soll dazu beitragen, sie zu bestärken. „Diese Frauen möchten keine Näh- und Bastelkurse!“  Auch hier sei das persönliche Netzwerk in einem ähnlichen Kulturraum unabdingbar, um die Teilnehmerinnen zu erreichen.

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