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Zukunft statt Entwicklungshilfe

Die Digitalisierung Afrikas - Teil 1

In der Wahrnehmung der westlichen Welt ist Afrika der Kontinent der Armut, der Hilfsbedürftigkeit und der Entwicklungshilfe. Es gibt jedoch eine zweite, von Innovation und Digitalisierung geprägte Seite Afrikas, und es lohnt sich, darauf einen Blick zu werfen. Einige Entwicklungen.

Wenn wir jenseits der Natur an Afrika denken, denken wir wohl zuallererst an hungernde Menschen, dann vielleicht an korrupte Diktaturen und bürgerkriegsähnliche Zustände oder an Afrika als Herkunftskontinent unzähliger Flüchtlinge und Migranten. Tatsächlich hat in den vergangenen Jahrzehnten allein Deutschland Milliarden Euro aufgewendet, um in humanitären Krisen zu helfen und zur Entwicklung Afrikas beizutragen.

Fluchtursachenbekämpfung muss mehr sein

Kritisiert wird inzwischen jedoch nicht nur, dass die Art unserer Hilfe – ein Opferdenken mit einer daran anknüpfenden Almosenlogik – dazu diene, Abhängigkeiten zu fördern und Entwicklung geradezu zu hemmen. Sondern auch der Gegenstand unserer Hilfe, etwa Brunnenbau oder Medikamentenhilfe, wird heutzutage teils als unzureichend erachtet – zumindest wenn es um eine wirksame Fluchtursachenbekämpfung gehen soll.

Vom Nach- zum Vorteil

Von der hiesigen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat in ganz Afrika eine Entwicklung eingesetzt, die seinen strukturellen Nachteil in einen – mobilen, digitalen – Vorteil wandelt.

Es gibt in Afrika kaum klassische Telekommunikationsinfrastruktur wie Festnetze oder Breitbandanschlüsse. Im Jahr 2000 hatten zwei Prozent der Bevölkerung ein Festnetztelefon, 2015 kam auf 100 Einwohner gerade einmal ein halber Breitbandanschluss. Doch statt diese Infrastruktur nachzurüsten, wird in der technologischen Revolution einfach ein Schritt übersprungen – und direkt mobile Technologie eingeführt. Man könnte auch sagen: Weil es gar keine Infrastruktur gibt, fällt es leichter, gleich eine digitale zu schaffen.

Mehr Mobiltelefone als in Europa

Dass sich auch viele Gerätehersteller auf die Marktbedingungen vor Ort eingestellt haben, führt zu einer Explosion der Nutzerzahlen. Aus 16,5 Millionen Mobiltelefonen im Jahr 2000 wurden 650 Millionen im Jahr 2012 – das sind mehr als in Europa oder in den USA. Der Großteil der weltweiten Handybesitzer lebt laut United Nations Department of Economic and Social Affairs (UN DESA) heute in ärmeren Ländern wie Ghana, Uganda oder Nigeria. Der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) zufolge kamen bereits 2014 in ganz Afrika auf 100 Personen 63 mit Handy.

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Statt klassische TK-Infrastruktur nachzurüsten, wird direkt mobile Technologie eingeführt.
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Und längst wird das einfache Mobiltelefon durch das internetfähige Smartphone ersetzt: Laut des britischen Marktforschungsinstitut Ovum nutzten 2016 fast 300 Millionen Menschen Smartphones, 2021 sollen es bereits über 900 Millionen sein.

Zwar bieten Handys dort, wo die Infrastruktur am schlechtesten ist, den unkompliziertesten Online-Zugang. Bereits 2011 überstieg etwa die Zahl der nigerianischen Internetnutzer, die über ihr Mobiltelefon online gingen, erstmals die Zahl der Desktop-Nutzer, und Experten gehen davon aus, dass dieses Medium in Zukunft mehr Menschen an das Internet anbinden wird als jedes andere.

Internet-Ballons statt Drohnen?

Parallel werden jedoch auch weitere Ansätze verfolgt, das Internet in entlegenen Gegenden verfügbar zu machen. Google und Facebook haben die Entwicklung ihrer Internet-Drohnen inzwischen aufgegeben, die in großen Höhen kreisen und für eine Netzanbindung sorgen sollten. Doch Facebook sucht statt einer Eigenentwicklung lediglich die Zusammenarbeit mit Luftfahrtunternehmen wie Airbus. Und die Google-Mutter Alphabet hält Ballons inzwischen für besser geeignet als Drohnen. An der Zielstellung hat sich indessen nichts geändert.

Bedeutung: Zugang zur Welt

Nun kann man sich fragen, ob Handynutzung und Internetempfang tatsächlich das Hauptproblem des afrikanischen Kontinents sind oder sein sollten. Aber diese Sichtweise greift zu kurz.

Denn Handys ermöglichen nicht nur eine Kommunikation außerhalb der unmittelbaren Umgebung, indem sie große Distanzen und schlechte Straßen überbrücken.

Sondern:

  • sie ermöglichen auch einen Zugang zu Finanzdienstleistungen, indem per Mobilfunk Geld überwiesen oder empfangen werden kann,
  • sie ermöglichen einen Zugang zur Gesundheitsversorgung, indem etwa mobil medizinischer Rat eingeholt werden kann,
  • sie ermöglichen einen Zugang zu Wetterberichten und internationalen Marktpreisen, die für Fischer auf dem Meer oder Bauern auf dem Markt Bedeutung haben,
  • sie ermöglichen einen Zugang zu Bildung, Regierungsdiensten, Politik, gesellschaftlicher Partizipation usw.

So werden Handys vor allem in abgelegenen ländlichen Regionen ohne medizinische Versorgung, ohne Banken und ohne Marktinformationen zu bedeutenden Schnittstellen und afrikanische Länder zu mobilen Nationen, deren wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben inzwischen zu großen Teilen auf dem Mobiltelefon basiert.

Mobiltelefone beseitigen eines der größten Entwicklungshemmnisse in Afrika: fehlende Information. Und weil sie oft den einzigen Zugang bieten, wickeln in Afrika mehr Menschen als in anderen Regionen der Welt Geschäfte darüber ab.

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