Digitalisierung; Sicherheit
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SERIE: Sicherheit Kritischer Infrastrukturen

Offline statt digital

Vom Ausfall des Internets in einer digitalisierten Welt

Nur wenige Städte weltweit sind bereits in ähnlicher Weise vernetzt und digitalisiert wie Seoul – und damit derart abhängig von funktionierender Technologie. Ein massiver Netzausfall in Südkoreas Hauptstadt macht ganz aktuell beispielhaft die Abhängigkeit der Digitalisierung vom Internet deutlich – auch in Deutschland.

Seoul, Vorreiter und Nabel der digitalen Welt: Schon seit den 1990er Jahren wurde in Breitbandtechnik investiert, heute gilt das Netz als das schnellste der Welt. Dies hat im technikbegeisterten Südkorea zu einer Digitalisierung aller Lebensbereiche in einem Umfang geführt, wie sie hierzulande bestenfalls als Zukunftsvision vorstellbar ist, vom Smart Home bis zum Online-Shopping.

Korea Telecom

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Korea Telecom (KT) bereitet als erster Anbieter weltweit die Einführung des Mobilfunkstandards 5G vor.

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Möglich gemacht hat diese Entwicklung der einst staatliche Telekommunikationskonzern Korea Telecom (KT), der Südkorea flächendeckend mit Festnetzverbindungen versorgt hat und aktuell als erster Anbieter weltweit die Einführung des Mobilfunkstandards 5G vorbereitet. Im Showroom des Unternehmens lassen zudem Virtual-Reality-Brillen oder Miniatur-Hologramme bereits weitere Entwicklungen vorausahnen.

Feuer als Ursache

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Berichten zufolge war nur ein einziger Feuerlöscher vorhanden.

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Ein Feuer in einem Kabeltunnel im Zentrum von Seoul hat massive Ausfälle bei eben jenem Unternehmen verursacht. Der Brand brach in einem vergleichsweise kurzen Kabelkanal aus, der nicht über ein automatisches Feuerlöschsystem verfügt, weil ein solches System bei einer Tunnellänge von weniger als 500 Metern nicht vorgeschrieben ist. Berichten zufolge war in dem Tunnelgelände nur ein einziger Feuerlöscher vorhanden. 200 Feuerwehrleute brauchten schließlich mehr als zehn Stunden, um in der schwer zugänglichen Anlage das Feuer vollständig zu löschen.

Massive Leitungsschäden

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Hunderttausende Anschlüsse wurden vom Internet abgeschnitten.

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Durch den Brand wurden nicht nur 168.000 Telefonleitungen zerstört, sondern auch rund 220 Glasfaser-Leitungen, die durch den Tunnel liefen, wurden auf einer Länge von rund 150 Metern beschädigt. Ein wichtiger lokaler Knoten von KT, der sich in unmittelbarer Nähe befindet, ging offline – und hunderttausende Anschlüsse wurden vom Internet abgeschnitten, vor allem die KT-Kunden in einem Drittel des Stadtgebietes. Stunden später waren 60 Prozent der Mobilfunkverbindungen und 70 Prozent der Internetanschlüsse wieder funktionsfähig, aber für die volle Wiederherstellung wurde eine ganze Woche vorausgesagt.

Vielfältige Auswirkungen

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Die unmittelbaren Auswirkungen waren vielfältig.

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Die unmittelbaren Auswirkungen waren vielfältig: Ganz banale Internet-Anwendungen wie Streaming-Dienste waren nicht erreichbar, die übliche Geräuschkulisse damit verstummt. Bedeutendere Auswirkungen für die 10-Millionen-Metropole hatte der Ausfall von Navigations-Apps, der nicht nur den allgemeinen Verkehr behinderte, sondern auch dazu führte, dass etwa Lieferdienste ihre Sendungen nicht zustellen konnten. Der Handel wurde zusätzlich dadurch eingeschränkt, dass Händler keine Kreditkartenzahlungen annehmen konnten, während gleichzeitig die Geldautomaten ohne Verbindung zu ihren Bank-Servern kein Bargeld ausgaben (oder bereits leergeräumt waren). Aber selbst wer Bargeld bei sich hatte, was in Seoul kaum noch üblich ist, scheiterte in vielen Läden an den internetabhängigen Kassensystemen und daran, dass die Verkäufer auf andere Abrechnungsweisen nicht mehr eingestellt sind. Weiterhin funktionierten zum Beispiel Zutrittssysteme mit Fingerabdrucksensoren oder Überwachungskameras nicht.

Ernsthafte Konsequenzen

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Wie viele Notrrufe ins Leere liefen und welche Folgen daraus resultierten, blieb unklar.

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Eine Notfall-SMS, die die Stadtregierung von Seoul über das örtliche Notfallsystem verschickt hatte, um die Betroffenen über den Ausfall zu informieren, erreichten nur die Kunden anderer Provider, nicht jedoch die Nutzer von KT. Vor alten öffentlichen Münzfernsprechern, die sonst kaum noch genutzt werden, etwa in U-Bahnhöfen, kam es zu Menschenaufläufen und der Bildung von Warteschlangen. Krankenhäuser, in denen Telefonverträge von KT genutzt werden, konnten ihr Personal nicht erreichen, Arzttermine konnten nicht vergeben oder verschoben werden. Apotheken konnten ohne ihr Online-System keine rezeptpflichtigen Medikamente mehr ausgeben. In den Polizei-Dienststellen und bei den Rettungsdiensten vor Ort fiel der Notruf aus – wie viele Notrrufe ins Leere liefen und welche Folgen daraus resultierten, blieb unklar.

Systemrelevanz

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Der Vorfall wird als Paradebeispiel für die Fragilität einer digitalen Gesellschaft betrachtet.

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In Korea wird nun nicht nur über Prävention und einen verbesserten Brandschutz diskutiert. Sondern die Beobachtung, was passiert, wenn einer digitalisierten Gesellschaft mit ihrer starken Abhängigkeit des alltäglichen Lebens von modernen Daten-Anbindungen auch nur kurzzeitig der Zugang zum Internet abhandenkommt, hat auch die grundsätzliche Frage der Resilienz kritischer Infrastrukturen wie der Telekommunikation befeuert. Der Vorfall wird als Paradebeispiel für die Fragilität einer digitalen Gesellschaft betrachtet, die zu sehr auf zentralisierte Systeme setzt.

Von einem Weckruf ist die Rede und es wird ein Diskurs über die Internetabhängigkeit des Landes, die Risiken einer bargeldlosen Gesellschaft oder die Gefährdung des hoch vernetzten Staates, in Anarchie und Chaos gestürzt zu werden, gefordert.

Deutsche Parallelen

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Die weniger beachtete Achillesferse der Digitalisierung ist die Abhängigkeit von der grundsätzlichen Verfügbarkeit der beiden Netze: vom Internet – und vom Stromnetz.

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Ähnliche Fragen werden im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung auch hierzulande schon lange gestellt – aber ebenso wenig gesamtgesellschaftlich diskutiert. Im Vordergrund steht zudem der Aspekt der IT-Sicherheit. Doch die weniger beachtete Achillesferse der Digitalisierung ist die Abhängigkeit von der grundsätzlichen Verfügbarkeit der beiden Netzen: vom Internet – und vom Stromnetz, ohne das das Internet überhaupt nicht funktionieren würde. Erst im April 2018 zeigte sich, wie real diese Gefahr ist, als ein Stromausfall in einem Rechenzentrum in Frankfurt sich auf den Internetknoten DE-CIX auswirkte und zu einer Einschränkung des Internets führte. Denn DE-CIX ist nicht nur einer der weltweit wichtigsten Umschlagplätze für den Datenverkehr im Internet, sondern er hat auch den höchsten Datendurchsatz der Welt – doch ein Stromausfall in einem der 21 Rechenzentren, über die die Systeme dieses Internetknotens in der ganzen Stadt verteilt sind, genügte, weil neben der Stromversorgung über das Netz auch die Notstromversorgung durch Dieselgeneratoren nicht mehr funktionierte und die eigentlich mehrfach redundante Infrastruktur schlichtweg versagte.

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