Welt nicht neu erfinden; Heddesheim; Digitalisierung; Kommune; App; Verwaltung; Prozesse
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SERIE: Kommunale Digitalstrategien

Die Welt nicht neu erfinden

12.000-Einwohner-Gemeinde entwirft eigene Digitalstrategie / Kleine Dinge in die Wege leiten

Die baden-württembergische Stadt Heddesheim im Rhein-Neckar-Kreis hat sich in einem zehnmonatigen Entwicklungsprozess eine Digitalstrategie gegeben. Bis 2025 will die Gemeinde an der Grenze zu Hessen „Smart Village“ und Vorreiter unter den Kommunen unter 20.000 Einwohnern werden. Der Weg dabei lautet: umschauen, kooperieren und Lösungen vor Ort pilotieren.
Prozessabfolge zur Heddesheimer Digitalstrategie.
© Screenshot/Digitalstraegie Heddesheim

Die Digitalisierungsstrategie ist der letzte von sechs Meilensteinen und das Ergebnis eines zehnmonatigen Prozesses, den die Stadt Heddesheim mit externer Unterstützung und unter Einbezug des eigenen Verwaltungspersonals sowie der Bürger und örtlichen Wirtschaft unternommen hat.

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Als kleine Kommune können wir aber nur wenige Prozesse selbst auf die Beine stellen. Deshalb gilt es, Lösungen zu nutzen, die möglichst schon vorhanden sind.

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Sich umschauen und kooperieren

Nach der „politischen Willensbildung“ durch Bürgermeister und Gemeinderat kam man in der Kommune grundsätzlich überein, "die Welt nicht gänzlich neu erfinden“ zu wollen. Die Stadt will bei der Umsetzung der Strategie darauf achten, was andere Kommunen bereits entwickelt haben. Auch ging es in einem ersten Workshop darum, wie das Wissen der eigene Mitarbeiter zu nutzen ist, um den Status quo und die Bedeutung einzelner Aspekte der Digitalisierung für die Stadt zu erfahren. Weiterhin sollen möglichst viele Stakeholder einbezogen werden, das betrifft nicht nur die Bürger, sondern etwa auch Vereine und Verbände.

Das Rechnungswesen digitalisieren

„Auf unserer Auftaktveranstaltung haben wir gemerkt, dass die Erwartungen der Bürger an die Digitalisierung in der Stadt recht hoch liegen“, erklärt der Bürgermeister der Stadt Heddesheim, Michael Kessler. „Als kleine Kommune können wir aber nur wenige Prozesse selbst auf die Beine stellen. Deshalb gilt es, Lösungen zu nutzen, die möglichst schon vorhanden sind.“ Kessler will das Rechnungswesen der Stadtverwaltung digitalisieren – die Technik sei seit einigen Jahren am Markt, aber auf kommunaler Seite bislang kaum im Einsatz. „Es geht einfach darum, das nun auch mal wirklich operativ umzusetzen.“ Und das möglichst gemeinsam.


Lebensbereich 0 Querschnittmaßnahmen der Digitalisierung

Lebensbereich 1 Bildung & Kultur

Lebensbereich 2 Wirtschaft und Handel

Lebensbereich 3 Infrastruktur

Lebensbereich 4 Verwaltung & Bürgerservices

Lebensbereich 5 Mobilität


Landesförderprogramme

Als interkommunaler Kooperationspartner kommen zumeist die Nachbargemeinden oder der Rhein-Neckar-Kreis infrage. Auch der kommunale IT-Dienstleister ITEOS, der sich an der Strategieerstellung beteiligte, wird in vielen Bereichen eine Rolle spielen. Mit Blick auf mögliche Fördergelder erhofft man sich vor allem Mittel aus verschiedenen Landesprogrammen.

So ist Heddesheim eine von 50 Gewinnerinnen der Ausschreibung „Digitale Zukunftskommune@ bw“, die das Land Baden-Württemberg im Rahmen seiner ressortübergreifenden Digitalisierungsstrategie „Digital@ bw“ vergibt. Der kommunale Eigenanteil im Rahmen der Strategieentwicklung konnte auf diese Weise auf 16.400 Euro reduziert werden. 

Maßnahme 2.3: Einführung eines lokalen Online-Marktplatzes inkl. Lieferservice
© Screenshot/Digitalsztrategie Heddesheim

„Sondernutzungserlaubnisse“ und „Abmeldung ins Ausland“

Bürgermeister Kessler plant auch, klassische Verwaltungsverfahren wie die Gewährung von „Sondernutzungserlaubnissen“ und „Abmeldung ins Ausland“ online zugänglich zu machen. Auf der Agenda stehen zudem weitere 18 Verwaltungsleistungen, deren Prozesse durch ITEOS und unter Einbezug von Basisdiensten des Landes, etwa E-Payment, virtualisiert werden sollen. „Wir wollen uns aktiv einbringen und hoffen auch darauf, uns als Pilotkommune am Einsatz einer Blockchain-Lösung für die Authentifizierung bei Anmeldeverfahren einbringen zu können.“

Mit einer eigenen App will Heddesheim Besuchern den Zugang zum örtlichen Badeseebad erleichtern.
© Rainer Sturm/www.pixelio.de

21 Maßnahmen in kleinen Steckbriefen

Die Digitalisierungsstrategie enthält aber nicht nur verwaltungsinterne Bestrebungen. Die insgesamt 21 Maßnahmen, die das Papier vorsieht, sind nach sechs „Lebensbereichen“ unterteilt: Querschnittmaßnahmen der Digitalisierung, Bildung & Kultur, Wirtschaft und Handel, Infrastruktur, Verwaltung & Bürgerservices und Mobilität.

Neben der Beschreibung jeder Maßnahme findet sich ein Steckbrief, der das Projekt noch einmal anhand von sieben Kategorien übersichtlich einordnet, konkretisiert und für eine spätere Evaluation messbar machen soll. Zu den Kategorien gehören: die kommunale Rolle bei der Umsetzung, eine Nutzenabschätzung, eine zeitliche Einordnung, eine personelle und monetäre Aufwandsabschätzung, interkommunale Möglichkeiten zur Vernetzung, eine Auflistung möglicher Akteure und Förderprogramme.

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Ein jugendlicher Tüftler hat sich während unseres Bürger-Workshops angeboten, eine App zu basteln.

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Die Besucherschlange am Badesee verringern

Dass der strategische Prozess in Heddesheim in Ansätzen schon erste Früchte trägt, zeigt ein konkretes Beispiel. Jährlich strömen rund 300.000 Besucher zum örtlichen Badesee, gerade an heißen Sommertagen sind die Parkplätze überfüllt. Tausende Besucher warten bislang täglich in langen Schlangen vor dem Eingang. „Ein jugendlicher Tüftler hat sich während unseres Bürger-Workshops angeboten, eine App zu basteln“, freut sich Kessler. Ziel ist ein mobiles Verfahren, mit dem Badegäste Eintrittskarten im Voraus buchen, online bezahlen und die Einrichtung dann durch einen separaten Eingang betreten können. „Eine solche Lösung wäre eine große Abhilfe und würde die Besucher und Infrastruktur erheblich entlasten.“ 

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