Personal Vernetzung Beziehung Hand, die das Konzept der sozialen Vernetzung mit weißer Kreide auf der Tafel zeigt
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Manche Fälle stellen die Wirksamkeit des Instrumentariums infrage

Interbehördliche Kooperationsmöglichkeiten

Analysiert man die Hintergründe von Jugendkriminalität, wird schnell klar, welche Akteure gefordert sind: Jugendämter und Sozialarbeiter, Therapeuten und Beratungsstellen, Schulen und Bildungseinrichtungen, Jobcenter und Arbeitsagenturen, Sozialämter und Ausländerbehörden, Polizei und Justiz – und nicht zuletzt die Politik, die für vieles die Rahmenbedingungen schaffen muss. Doch wie arbeiten die Behörden zusammen?

Quantitative und qualitative Entwicklung

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Verbindliche Aussagen zur quantitativen Entwicklung sind kaum möglich.

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Während die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) nur das Hellfeld der polizeilich bekannt gewordenen Straftaten mit zugleich ermittelten Tatverdächtigen abbildet, sollen Schülerbefragungen auch einen Teil des Dunkelfeldes beleuchten. Und während die Zahlen der PKS in der Vergangenheit immer wieder eine Zunahme unterschiedlicher Bereiche von Jugendkriminalität gezeigt haben, deuten Schülerbefragungen darauf hin, dass es stattdessen auch nur eine Sensibilisierung gegenüber Gewalt und eine Erhöhung der Anzeigebereitschaft gegeben haben könnte. Verbindliche Aussagen zur quantitativen Entwicklung sind so kaum möglich.

Allerdings erwecken insbesondere die Einschätzungen sachbearbeitender Beamter sowie die Berichterstattung der Medien den Eindruck, dass es eine qualitative Entwicklung hin zu massiver, zerstörerischer Jugendgewalt brutalster Mehrfach- und Intensivtäter gibt.

Bisherige Präventionsbemühungen

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Es kommen Zweifel auf, ob die verstärkten Prä-ventions-bemühungen in den vergangenen Jahren tatsächlich Wirkung gezeigt haben.

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Die widersprüchlichen Vermutungen zur Entwicklung quantitativer und qualitativer Jugendkriminalität lassen Zweifel aufkommen, ob bzw. in welchem Umfang tatsächlich in den vergangenen Jahren verstärkte Präventionsbemühungen Wirkung gezeigt haben. Als Beispiele werden etwa Schulprojekte zur Gewaltvermeidung, weniger elterliche Gewaltausübung, vermehrte Ächtung von Gewalt und ein Rückgang der Gewaltbereitschaft insgesamt angeführt.

Sozialbehörden und Polizei begleiten manche Familien dauerhaft.
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Beispielhafte Biografien von Mehrfach- und Intensivtätern wie dem 2007 als Münchner U-Bahn-Schläger bekannt gewordenen Serkan A. zeigen „Täterkarrieren“ mit 41 weiteren Straftaten in vier Jahren, obwohl Sozialbehörden und Polizei die Familie dauerhaft begleitet haben, mit einer eigenen Betreuerin vom Jugendamt, mit Erziehungshilfen und Therapieangeboten – aber auch mit einer Verurteilung zu einer Haftstrafe, die im Gegenzug zu einem Therapieversprechen allerdings zur Bewährung ausgesetzt wurde und wegen Drogen- und Alkoholproblemen mit einem Therapieabbruch endete. Solche Fälle stellen die Wirksamkeit des Instrumentariums infrage.

Kriminalpolitische Grundsätze

Der Strafrechtsprofessor Franz von Liszt, der als Vater der spezialpräventiven Straftheorie gilt, hat schon zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs versucht, Straftaten durch Erforschung der Ursachen des Verhaltens des Straftäters zu erklären und die These aufgestellt, Sozialpolitik stelle die beste und wirksamste Kriminalpolitik dar.

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Sozialpolitik stellt die beste und wirksamste Kriminalpolitik dar.

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Seine Ansätze, darunter eben auch besondere Maßnahmen gegenüber jugendlichen Straftätern, fanden in den Strafrechtsreformen des 20. Jahrhunderts Berücksichtigung. Demgemäß verlässt sich heutige Kriminalpolitik nicht nur auf die Momentaufnahme der Tat; sie will Ursachen statt Symptome angehen, Prävention statt Repression betreiben und sich nicht auf das Strafrecht verlassen, das nur noch Schaden begrenzen kann.

Praktische Ansätze

Die Hintergründe und Ursachen von Jugendkriminalität lassen sich im Wesentlichen in Familie, Schule und Wohnumfeld verorten. Entsprechende Maßnahmen müssen genau dort ansetzen – aufgrund der besonderen Problematik von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zielen die Ansätze ganz besonders auf diese Zielgruppe ab, decken aber auch weitgehend die Anforderungen deutscher Jugendlicher aus sozialen Brennpunkten mit ab.

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Die Hintergründe und Ursachen von Jugendkriminalität lassen sich im Wesentlichen in Familie, Schule und Wohnumfeld verorten.

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Es ist unbestritten, dass in der Familie die erzieherischen Grundlagen gelegt und die „richtigen“ Werte vermittelt werden müssen – sowie dass prägende negative Erlebnisse wie Gewalterfahrungen in der Familie verhindert werden sollten. Weniger Konsens besteht hinsichtlich der Frage, wie dies erreicht werden kann – und wie weit der Staat dazu in problematische Familienverhältnisse eingreifen darf. Während bisher überwiegend freiwillige Angebote unterbreitet werden, gibt es auch Forderungen beispielsweise nach verpflichtenden Erziehungsmaßnahmen für junge Männer in Immigranten-Familien oder drastischen Sanktionen etwa gegen prügelnde Familienoberhäupter, aber auch nach „Boot-Camps“ für unerziehbare Jugendliche.

Die Schule steht vor der kaum leistbaren Herausforderung, die Versäumnisse des Elternhauses zu kompensieren.
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Um die schlechteren Startbedingungen von Ausländerkindern gegenüber ihren deutschen Altersgenossen wettzumachen, müsste Kriminologen zufolge die Integration schon in Kindergarten bzw. Kinderhort forciert werden. Spätestens die Schule steht vor der kaum leistbaren Herausforderung, die Versäumnisse des Elternhauses zu kompensieren und etwa für gleiche Bildungschancen zu sorgen; dazu wird der zwangsweise Besuch von Ganztagsschulen als probates Mittel erachtet, weil Ausländerkinder Statistiken zufolge daheim kaum lernen. Schließlich sind Hilfsangebote von Schulpsychologen und Sozialarbeitern erforderlich, um in der Schule auftretende Probleme unmittelbar zu lösen.

Durch die räumliche Begrenzung der Lebenswelt auf den eigenen Kiez bzw. ihr eigenes Milieu, sind Jugendliche oft ausschließlich den dortigen Einflüssen ausgesetzt, ohne andere Lebenswelten und ihre gesellschaftlichen und sozialen Mechanismen überhaupt nur kennenzulernen. So mangelt es nicht nur an bestimmten Kenntnissen, sondern auch an positiven Vorbildern. In Berlin-Kreuzberg haben 2007 sogenannte Kiezläufer ihren Dienst aufgenommen, die selbst eine dunkle Vergangenheit haben, aber akzeptierte Ansprechpartner von Suchtprävention bis Deeskalation sind und für eine Befriedung sorgen.

Polizei und Justiz

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Polizisten fungieren heute eher als Sozialarbeiter und Richter in einer Person.

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Weite Teile von Politik und Öffentlichkeit gehen davon aus, dass Kriminalität und damit auch die Gefährdung potentieller Opfer durch polizeiliche Maßnahmen vermieden oder zumindest reduziert werden soll. Tatsächlich fungieren Polizisten heute aber eher als Sozialarbeiter und Richter in einer Person.

In Berlin wurde beispielsweise ein Konzept entwickelt, das kriminelle Karrieren beenden soll, bevor Mehrfach- und Intensivtäter überhaupt zu solchen werden. Sobald ein Jugendlicher fünf Mal mit Gewaltdelikten aufgefallen ist, wird er als „Schwellentäter“ erfasst und vollständig durchleuchtet: Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, Kommunikationsdaten, Wirkungskreis, Fotos. Zudem werden die Kontaktdaten von Eltern, Verwandten, Lehrern, Ausbildern oder Sozialarbeitern erfasst, um im Falle weiterer Straftaten zusammenwirken zu können. Jedem Schwellentäter wird ein Kriminalbeamter zugeteilt, der ihm zeigt, dass er unter polizeilicher Beobachtung steht.

Sobald ein Jugendlicher fünf Mal mit Gewaltdelikten aufgefallen ist, wird er als „Schwellentäter“ erfasst und vollständig durchleuchtet.
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Sind solche Konzepte nicht von Erfolg gekrönt und kommt es zu weiteren Straftaten, steht am Ende der Kette die Justiz – an die ebenfalls die Erwartung von Politik und Öffentlichkeit gerichtet ist, nun eben mit ihren Mitteln Kriminalität und Opfergefährdung zu reduzieren oder zu vermeiden.

Doch bei einem erheblichen Teil der polizeilichen Verdachtsfälle kann die Staatsanwaltschaft keinen hinreichenden Tatverdacht feststellenoder sie stellt das Verfahren ein, weil es ihr zu „geringfügig“ erscheint oder weil bereits erzieherische Maßnahmen getroffen wurden. Zudem erfolgen im Jugendstrafrecht häufig Einstellungen gegen Ableistung einer bestimmten Stundenzahl an gemeinnütziger Arbeit.

Bei einem erheblichen Teil der polizeilichen Verdachtsfälle kann die Staatsanwaltschaft keinen hinreichenden Tatverdacht feststellen oder stellt das Verfahren ein.
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Dass ermittelte Tatverdächtige bekannt gewordener Straftaten in vielen Fällen trotzdem nicht verurteilt werden oder mit Bewährungsstrafen und Verwarnungen davonkommen, wirft nicht nur dann Fragen auf, wenn Mehrfach- und Intensivtäter anschließend mit erneuten Taten auffällig werden. Sondern es sorgt auch bei der Polizei für Frust. Im Einzelfall hat der Bundesgerichtshof auch schon Urteile kassiert und wegen der "Schwere der Schuld" eine schärfere Bestrafung verlangt.

Die Standpunkte liegen weit auseinander: Auf der einen Seite wird angenommen, dass die große Mehrzahl auch der Mehrfach- und Intensivtäter nur während einer begrenzten Altersphase polizeilich auffällig wird und die Anteile danach auch ohne polizeiliche Intervention deutlich zurückgehen. Angesichts einer Rückfallquote von 80 % bei zu Jugendstrafen verurteilten jungen Männern würde der Jugendknast bedeuten, einen Menschen aufzugeben. Auf der anderen Seite sagen Polizisten, dass manche Jungs die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen müssten – viel früher und schneller. Bewährungsstrafen würden sie nicht ernstnehmen und nur mit einem Lachen begegnen.

Jugendkriminalität – ubiquitär und temporär?

Hintergründe und Ursachen

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