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„Künstliche Intelligenz soll künftig auffällige Muster von Reisenden erkennen“

Moderner Grenzschutz, Teil 2: Kameratechnik, Grenzkontrollen, Meeresüberwachung

Schon die bloße Länge der europäischen Küsten und Landgrenzen macht deutlich, dass sie sich mit klassischem Grenzschutz nicht lückenlos überwachen und sichern lassen. Neue Technologien bis hin zu einer vollautomatisierten Grenzüberwachung übernehmen zunehmend diese Aufgaben. Der zweite Teil des Beitrags befasst sich mit primär kameragestützter Überwachung, modernen Grenzkontrollen und Innovationen für die hohe See.

Live-Überwachung mit Autotracking und Infrarotthermografie

Nicht nur im All erlauben neue Technologien eine zunehmend automatisierte Überwachung. Auch zahlreiche neue Produktentwicklungen tragen dazu bei, Grenzschutz bei unterschiedlichsten örtlichen Gegebenheiten neu zu organisieren.

Hochauflösende steuerbare „Pan, Tilt, Zoom“ (PTZ)-Kameras mit Schwenk-, Neigungs- und Zoom-Funktion werden zur Live-Überwachung eingesetzt. Sie erkennen feststehende oder sich bewegende Objekte und können zur besseren Identifizierung Bildausschnitte vergrößern. Mit einer Autotracking-Funktion lassen sich Personen erfassen und verfolgen, solange sie sich im Kamerabereich befinden. Mit empfindlichen Sensoren und in Kombination mit reichweitenstarken Sendern und Empfängern gewährleisten sie eine kontinuierliche Überwachung selbst entlegener Gebiete per Funk mit Frequenzbereichen von etwa 200MHz bis 14GHz. Neben dem stationären Einsatz werden auch mobile Systeme etwa in Fahrzeugen, Schiffen oder Helikoptern mit entsprechenden Sendern ausgestattet.

Infrarotthermografie

Bei schlechten Sichtverhältnissen durch widrige Bedingungen wie Dunkelheit, starken Regen oder dichten Nebel, aber auch in waldreichen, unübersichtlichen Gebieten und Gewässern, schafft Infrarotthermografie Abhilfe. Wärmebildkameras erzeugen Infrarotbilder und machen Personen sichtbar, indem die Oberflächentemperatur von Objekten anzeigt wird; dabei ist auch eine Echtzeitanzeige von überlagertem Infrarot- und Realbild möglich. Moderne leistungsstarke Infrarotkameras sind durch eine enorme Reichweite, gestochen scharfe Bilder sowie die Erkennung geringster Temperaturunterschiede gekennzeichnet und können Ziele auch über mehrere Kilometer hinweg aufspüren.

Beispiel Ukraine

Ein konkretes Einsatzbeispiel ist die Ukraine, deren Grenzschutz die EU im eigenen Sicherheitsinteresse verbessern möchte. „Border Management Improvement – Equipment Supply to the State Border Guard Service of Ukraine“ (BOMUK) heißt das Projekt zur Zusammenarbeit zwischen EU und ukrainischem Grenzschutz, mit dem die Grenzabfertigung verbessert werden soll.

Ungekühlten Mikrobolometer-FPA-Detektoren

Hier sind unter anderem flexible Infrarot-Wärmebildkameras zur stationären, fahrzeuggebundenen oder handgehaltenen Verwendung im Einsatz. Deren hochauflösende Infrarotbilder und -sequenzen, die eine optimale Erkennung der Wärmestrahlung von Menschen und Fahrzeugen erlauben, basieren auf ungekühlten Mikrobolometer-FPA-Detektoren, die einen nahezu wartungsfreien und geräuschlosen Observationsbetrieb ermöglichen – gekühlte Geräte können diese Vorteile nicht bieten. Die ursprüngliche Kernforderung, Personen über fünf km Entfernung und Fahrzeuge über sieben Kilometer Distanz zu erkennen, wird längst übererfüllt; aktuell ist von sechs bzw. zehn km die Rede, die Sucher der Wärmebildkameras sollen menschliche Aktivität jedoch schon in einer Entfernung von bis zu 18 km erkennen können – bei jedem Wetter, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Gleichzeitig enthalten die Kameras einen nicht durch Nachtsichtgeräte detektierbaren integrierten Laser-Entfernungsmesser, mit dem bis zu 5 km weit die Entfernung der anvisierten Beobachtungsobjekte gemessen werden kann.

Neben den Infrarot-Wärmebildsystemen kommen auch akustische Sensoren und unbemannte Luftfahrzeuge zum Einsatz, ebenso wie die EU schon Geräte zur Kontrolle biometrischer Pässe zur Verfügung gestellt hat, die im internationalen Flughafen Kiew-Borispol eingesetzt werden.

Es geht auch darum, Grenzkontrollen effizient abzuwickeln - trotz aller technischen Sicherheitsvorkehrungen.
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Innovationen im Bereich der Grenzkontrollen

Das von der EU entwickelte „Integrated Border Management“ (IBM) basiert auf „intelligenten“ oder „smarten“ Grenzposten, deren Computerdatenbanken mit relevanten Behörden wie Zoll, Einwanderungsbehörde oder Sicherheitsbehörden vernetzt sind und die es erlauben, dass Passanten mit den „richtigen“ Papieren trotz aller technischer Sicherheitsvorkehrungen ohne Wartezeiten Grenzkontrollen passieren können.

Maschinelle biometrische Passkontrollen finden etwa an E-Gates oder Border-Express-Scannern statt, wo Reisende ein Selfie von sich machen, die Daten ihres Reisepass einlesen lassen und einige Fragen zu ihrem Aufenthalt auf dem Bildschirm beantworten müssen. Während der biometrische Reisepass an solchen modernen Drehkreuzen gescannt wird, werden die auf dem Chip gespeicherten Daten auch mit weltweiten Datenbanken etwa bei Interpol abgeglichen, um gesuchte Personen aufzuspüren oder gefälschte Ausweisdokumente zu erkennen. Allerdings ist noch keine Interoperabilität aller existierenden relevanten Datenbanken gegeben, unter anderem aufgrund einer ausstehenden Harmonisierung technischer Standards.

KI-gestützte Kameraoptimierung

Künstliche Intelligenz (KI) soll künftig durch ein stetiges Training der Algorithmen nicht nur auffällige Muster von Reisenden erkennen, sondern eine KI-gestützte Kameraoptimierung in Verbindung mit einer immer besseren Gesichtserkennung soll künftig ebenfalls die Kontrollzeiten am Grenzübergang reduzieren.

Neben der Entwicklung von Hightech-Sicherheitsschleusen finden vor allem Weiterentwicklungen von elektronischen Reisepässen und Erkennungsverfahren auf Basis biometrischer Daten statt. An Checkpoints sollen perspektivisch nicht nur Identitäts- und Gepäckkontrollen stattfinden, sondern neben der Erfassung von Fingerabdrücken und Gesichtsfotos auch eine Datenbank mit DNA-Profilen angelegt werden. Damit werden immer weitere biometrische Merkmale zur Personenidentifizierung herangezogen; üblicherweise werden Fingerabdruck, Iris- oder Gesichtserkennung als biometrische Identifikationsmerkmale verwendet.

Auf Smartphones zugreifen

Auch der Zugriff auf die Smartphones von Migranten, die nicht über Personaldokumente verfügen, ist längst gang und gäbe. Überlassen sie ihr Smartphone nicht freiwillig den Behörden zur Durchsuchung, kann auch eine Dekodierung mit Entschlüsselungstechnik erfolgen. Ebenso ist es möglich, den Cloud-Zugang auf dem Smartphone zu knacken und so etwa gescannte Fotos von Personaldokumenten zu finden, anhand  gespeicherter Fotos und Geodaten die Fluchtrouten nachzuvollziehen, verschlüsselte WhatsApp-Nachrichten zu durchsuchen und binnen Minuten Profile aus sozialen Netzwerken auszuwerten.

Unterstützung durch "Schnüffler" - hochinnovative Geräte, die Handstaubsaugern ähneln

Grenzkontrollen sollen in Zukunft zudem Unterstützung durch sogenannte Schnüffler bekommen. Dabei handelt es sich um hochinnovative Geräte, die Handstaubsaugern ähneln und über einen besseren Geruchssinn als Hunde verfügen, um ein breites Spektrum von Drogen, Sprengstoffen und auch Menschen zu erkennen. So können auch versteckte Passagiere gefunden werden.

Autonome Systeme vergrößern die Reichweite bei der Überwachung von Küsten und Gewässern.
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Überwachung auf hoher See

Der Küstenschutz mit Patrouillenbooten hat nicht ausgedient, aber er hat seine Grenzen erreicht. Autonome Systeme vergrößern die Reichweite.

Längst sind vernetzte Überwachungsbojen mit akustischen und visuellen Sensoren im Einsatz. Mit 360-Grad-Wärmebildkameras und Hydrofonen, die bis 25 Meter tief unter Wasser akustische Signale erfassen, überwachen sie das Meer. Auffälligkeiten gleichen sie selbständig mit der Onboard-Datenbank ab und ordnen sie ein, ggf. mobilisieren sie durch ein Funksignal an ein Kontrollzentrum auf dem Festland einen Eingreiftrupp.

Energetisch autonome Unterwasserdrohnen

Als Nonplusultra gelten sogenannte Wave Glider, wahlweise als schwimmende Roboter oder energetisch autonome Unterwasserdrohnen bezeichnet. Sie verfügen über eine Vielzahl von Sensoren und Schnittstellen, um magnetische Felder, seismische Signale oder Schlepperboote zu erkennen und über Mobilfunk, WLAN, AIS-Funksystem oder über Satelliten mit vernetzten Geräten, mit dem Festland oder dem Weltraum zu kommunizieren.

Ergänzend sind unbemannte Mini-U-Boote im Einsatz, die mittels modernster Unterwasser-Mikrofone den Ozean ausspähen und nach Booten mit „abnormalem Verhalten" abscannen.

Risiken der Digitalisierung und Automatisierung

Eine lückenlose Überwachung zu Lande, zu Wasser und in der Luft: Wenn rund um die Uhr Satelliten im All schweben, in niedrigerer Höhe Drohnen fliegen, Roboter-Fahrzeuge an Land und schwimmende Roboter auf hoher See patrouillieren und unterschiedlichste weitere Technologien jedes Anzeichen menschlichen Lebens vollautomatisch registrieren sowie die entsprechende Person identifizieren, wirft dies auch neue Fragen auf.

Mit welcher Aktion soll auf detektierte Grenzverletzter reagiert werden? Welche Gefahren drohen in autoritäten Systemen? Wie können die Überwachungssysteme vor Hackern geschützt werden, wenn sonst nichts und niemand vor Cyberangriffen sicher ist? Was können Böswillige anrichten? Und lässt sich wirklich ausschließen, dass einst eine vollautomatisierte Grenzüberwachung ohne menschliches Zutun auf Menschen schießt?

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