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SERIE: Phänomen Jugendkriminalität

„Junge Menschen sind unter den Tatverdächtigen überproportional vertreten“

Zahlen, Daten, Fakten

Jugendkriminalität, die üblicherweise auch die Kinder- und Heranwachsendenkriminalität einschließt, ist ein Phänomen, das sich in verschiedener Hinsicht von Kriminalität im Allgemeinen unterscheidet. Dieser Beitrag beleuchtet die Statistiken rund um junge Tatverdächtige und jugendspezifische Delikte.

Definitorische Eingrenzung

Jugendliche fallen in Deutschland unter das Jugendstrafrecht.
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Üblicherweise werden in Deutschland Straftaten von Tatverdächtigen im Altersbereich von 14 bis einschließlich 20 Jahren unter dem Begriff Jugendkriminalität subsumiert.

Kinder, die (zum Tatzeitpunkt) noch nicht 14 Jahre alt sind, gelten in Deutschland als strafunmündig. Vom 14. Lebensjahr an erfolgt nach dem Jugendgerichtsgesetz sowie dem Kinder- und Jugendhilfegesetz eine Einstufung als Jugendliche, sofern sie noch nicht 18 Jahre alt sind. Ab dem 18. Lebensjahr können sogenannte Heranwachsende noch unter das Jugendstrafrecht fallen, solange sie noch nicht 21 Jahre alt sind.

Kinder, Jugendliche und Heranwachsende als Tatverdächtige

Laut aktueller Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) 2018 beträgt der Anteil von Kindern an den insgesamt Tatverdächtigen 3,4 %, von Jugendlichen 8,6 % und von Heranwachsenden 9,0 %. Dies entspricht 70.603 Kindern, 177.431 Jugendlichen und 185.523 Heranwachsenden.

In der PKS heißt es, „dass unter den Tatverdächtigen junge Menschen überproportional vertreten sind“. Und weiter: „Junge Menschen weisen in jeder Gesellschaft und zu allen Zeiten eine deutlich höhere Belastung von registrierter Kriminalität auf als Erwachsene.“

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Junge Menschen weisen in jeder Gesellschaft und zu allen Zeiten eine deutlich höhere Belastung von registrierter Kriminalität auf als Erwachsene.

 

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(Polizeiliche Kriminalstatistik)

Die Zahlen zeigen zwei weitere Trends: Junge Menschen treten in einer linearen Entwicklung mit zunehmendem Alter vermehrt in Erscheinung (unter 6 Jahren 0,2 % der Tatverdächtigen, 6 bis unter 8 Jahren 0,2 %, 8 bis unter 10 Jahren 0,4 %, 10 bis unter 12 Jahren 0,8 %, 12 bis unter 14 Jahren 1,9 %, 14 bis unter 16 Jahren 3,7 %, 16 bis unter 18 Jahren 4,9 % und 18 bis unter 21 Jahren 9,0 %).

Und: Jungen sind in allen Altersstufen auffälliger als Mädchen (unter 6 Jahren 53,8 % der Tatverdächtigen, 6 bis unter 8 Jahren 70,4 %, 8 bis unter 10 Jahren 76,1 %, 10 bis unter 12 Jahren 73,1 %, 12 bis unter 14 Jahren 66,3 %, 14 bis unter 16 Jahren 68,1 %, 16 bis unter 18 Jahren 75,5 % und 18 bis unter 21 Jahren 79,2 %).

Bemerkenswert ist zudem die Anzahl polizeilich in Erscheinung getretener Mehrfachtatverdächtiger schon im Kindes- und Jugendalter. Von 70.603 Kindern sind 10.173 zwei oder drei Mal, 1.549 vier oder fünf Mal, 756 sechs bis zehn Mal, 207 elf bis zwanzig Mal und 57 über zwanzig Mal innerhalb des Berichtszeitraums der PKS als Tatverdächtige in Erscheinung getreten. Von 177.431 Jugendlichen wurden 38.647 zwei oder drei Mal, 8.607 vier oder fünf Mal, 5.461 sechs bis zehn Mal, 1.996 elf bis zwanzig Mal und 753 über zwanzig Mal auffällig, von 185.523 Heranwachsenden 41.202 zwei oder drei Mal, 9.130 vier bis fünf Mal, 6.043 sechs bis zehn Mal, 2.177 elf bis zwanzig Mal und 812 über zwanzig Mal.

Jugendspezifische Delikte

Innerhalb ausgewählter Straftaten/-gruppen verzeichnen Kinder bei „Brandstiftung und Herbeiführen einer Brandgefahr“ (8,7 %) und bei „Sachbeschädigung“ (7,6 %) die höchsten Anteile, Jugendliche bei „Raubdelikte“ (20,2 %) und bei „Sachbeschädigung“ (16,1 %) sowie Heranwachsende bei „Rauschgiftdelikte“ (17,7 %) und bei „Raubdelikte“ (16,3%).

Brandstiftungen gehören zu den Straftaten mit dem höchsten Kinderanteil unter den Tatverdächtigen.
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Brandstiftungen gehören zu den Straftaten mit dem höchsten Kinderanteil unter den Tatverdächtigen. 30,9 % der Tatverdächtigen waren bei „vorsätzliche Brandstiftung und Herbeiführen einer Brandgefahr“ unter 14 Jahre alt oder Jugendliche.

Bei „Sachbeschädigung“ waren 23,8 % der Tatverdächtigen minderjährig.

Bei „Straßenraub“ stellten Minderjährige 36,4 % der Tatverdächtigen. Als Hintergrund sieht die PKS einen Großteil des „Straßenraubes“ im Zusammenhang mit Jugendgruppengewalt, die sehr oft Altersgenossen oder Jüngere als Opfer treffe. Allerdings träten auch bei „Raub, räuberische Erpressung auf/gegen Tankstellen“ und bei „Handtaschenraub“ Jugendliche und Heranwachsende häufig als Tatverdächtige auf.

35,8 % der ermittelten Tatverdächtigen waren bei „Rauschgiftdelikten“ zwischen 18 und 25 Jahre alt, also Heranwachsende oder Jungerwachsene. Sie weisen relativ hohe Tatverdächtigenanteile in Fällen mit „Cannabis“, „LSD“, „Amphetamin/-derivate“ und „Methamphetamin“ auf, hingegen niedrigere bei „Heroin“ und „Kokain“.

Besonderheiten nichtdeutscher Tatverdächtiger

21.344 (30,2 %) der 70.603 tatverdächtigen Kinder sind Nichtdeutsche, ebenso 43.068 (24,3 %) der 177.431 Jugendlichen und 68.025 (36,7 %) der 185.523 Heranwachsenden. Auch bei den Nichtdeutschen überwiegen männliche Tatverdächtige.

35,8 % der ermittelten Tatverdächtigen waren bei „Rauschgiftdelikten“ zwischen 18 und 25 Jahre alt.
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Die Delikte hingegen unterscheiden sich. Während innerhalb ausgewählter Straftaten/-gruppen die meisten deutschen Kinder bei „Ladendiebstahl insgesamt“, „Sachbeschädigung“ und „vorsätzliche einfache Körperverletzung“ zu verzeichnen sind, betrifft dies bei nichtdeutschen Kindern „Ladendiebstahl insgesamt“, „vorsätzliche einfache Körperverletzung“ und „gefährliche und schwere Körperverletzung, Verstümmelung weiblicher Genitalien“.

Die unterschiedlich ausgeprägten Delikte setzen sich bei den Jugendlichen fort (deutsche Jugendliche: „Rauschgiftdelikte (BtMG)“, „Ladendiebstahl insgesamt“, „Körperverletzung insgesamt“; nichtdeutsche Jugendliche: „Körperverletzung insgesamt“, „Ladendiebstahl insgesamt“, „Rauschgiftdelikte (BtMG)“), ebenso wie bei den Heranwachsenden (deutsche Heranwachsende: „Rauschgiftdelikte (BtMG)“, „Körperverletzung insgesamt“, „Sachbeschädigung“; nichtdeutsche Heranwachsende: „Körperverletzung insgesamt“, „Rauschgiftdelikte (BtMG)“, „Ladendiebstahl insgesamt“).

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