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Jugendkriminalität – ubiquitär und temporär?

Hintergründe und Ursachen

Kriminologen beschreiben Jugendkriminalität gern als ubiquitär (d. h. als weit verbreitetes Massenphänomen) und temporär (d. h. auf das Jugendalter beschränkt) sowie als in den meisten Fällen bagatellhaft (d. h. nicht allzu schlimm). Angesichts von massiver, zerstörerischer Jugendgewalt brutalster Mehrfach- und Intensivtäter erscheinen solche Einordnungen leicht wie Beschwichtigungen, zumal nicht nur die Opfer, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes einschließlich Politik und Sicherheitsbehörden hilf- und ratlos wirken. Dieser Beitrag geht auf Hintergründe und Ursachen von Jugendkriminalität ein.

Hell- vs. Dunkelfeld

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Das Hellfeld weicht von der Lebenswirklichkeit junger Menschen ab.

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Statistische Aussagen zur Jugendkriminalität basieren auf polizeilich registrierten tatverdächtigen jungen Menschen, d. h. Straftaten müssen der Polizei bekannt geworden und ein oder mehrere Tatverdächtige müssen ermittelt worden sein. Dieses sogenannte Hellfeld – und nur das wird etwa durch die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) abgebildet – ist ein Ausschnitt auf dem zweifachen Dunkelfeld der nicht angezeigten Straftaten und der nicht ermittelten Tatverdächtigen.

Wie weit es von der Lebenswirklichkeit junger Menschen abweichen kann, zeigte etwa eine bundesweite Schülerbefragung 2007/2008. Demnach haben die befragten Schüler nur 19 % der Fälle leichter Körperverletzung und nur 37 % der Fälle schwerer Körperverletzung zur Anzeige gebracht.

Massenphänomen

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Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig.

 

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William Shakespeare

Zu allen Zeiten wurde über kriminelle Jugendliche geklagt. Schon William Shakespeare hat in seinem Wintermärchen vor 410 Jahren geschrieben: „Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen, balgen.

Tatsächlich zeigen Kriminalstatistiken, dass – von deliktsspezifischen Besonderheiten abgesehen – jüngere Menschen zu allen Zeiten sehr viel häufiger kriminell wurden als ältere und dass sich die Höherbelastung junger Menschen nicht weit in das Vollerwachsenenalter hinein fortsetzt. Vielmehr bleibt ein gegen Strafnormen verstoßendes Verhalten für den größten Teil eine Phase in ihrem Reifungs- und Anpassungsprozess, die zumeist ohne eine Intervention von Behörden endet.

Für den größten Teil junger Menschen ist ein gegen Strafnormen verstoßendes Verhalten eine Episode, die ohne eine Intervention von Behörden endet.
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Aufgrund der bedingten Aussagekraft von Hellfeld-Statistiken ziehen Kriminologen gern Schülerbefragungen heran – deren Aussagekraft zwar auch einer Reihe von Einschränkungen unterworfen ist, weil nur Selbstbeurteilung und Selbstauskunft der Befragten einfließen, die aber die Erkenntnisse der offiziellen Zahlen zumindest ergänzen können.

In solchen Befragungen gaben – je nach Deliktsbereich – bis zu 70 % der befragten Schüler zu, dass sie in den vorangegangenen zwölf Monaten mindestens eines der erfragten Delikte begangen haben: Einschließlich Schwarzfahren, das als typisches Jugenddelikt gilt, ergab etwa eine Befragung in fünf deutschen Städten bzw. Landkreisen im Jahr 2000, dass 71,4 % der männlichen und 67,6 % der weiblichen Jugendlichen mindestens ein Delikt begangen haben.

Auf solchen Zahlen basiert die Aussage, dass Jugendkriminalität ubiquitär, also kein Minderheitenphänomen ist. Doch während die große Mehrzahl der Jugendlichen höchstens wenige leichte, jugendtypische Delikte begeht, steht auf der anderen Seite eine geringere Anzahl Jugendlicher mit vielen und/oder schweren Delikten.

Männliche vs. weibliche Jugendliche

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Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt.

 

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Der Spiegel

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat Anfang 2008 getitelt „Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt.

Zwar gibt es bei einem Delikt wie Ladendiebstahl nur geringe Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen hinsichtlich der Begehungshäufigkeit. Tatsächlich werden die Unterschiede aber mit der Schwere des Delikts größer; Jungenkriminalität ist typischerweise häufiger und schwerer als Mädchenkriminalität.

Die Gründe und Ursachen von Jugendkriminalität werden vielfach in der Perspektivlosigkeit der Täter gesehen.
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Definitorisch gilt als Mehrfachtäter, wer mehrfach innerhalb eines bestimmten Zeitraums durch Deliktverübungen auffällig wird. Intensivtäter sind eine Untergruppe, die etwa durch die wiederholte Verübung von Gewaltdelikten gekennzeichnet ist.

Vor allem männliche Jugendliche werden mehrfach auffällig; ihre Situation ist häufig seit frühester Kindheit durch schwierige soziale Bedingungen und damit verbundene persönliche Defizite gekennzeichnet, etwa materielle Not, prekäre Wohnbedingungen, familiäre Probleme, Gewalterfahrungen in der Familie, soziale Ausgrenzung, Alkohol- oder Drogenkonsum, fehlende abgeschlossene Schul- und Berufsausbildungen sowie damit verbunden mangelnde Perspektiven.

Gründe und Ursachen

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Jugendzeit ist die Zeit des Erkundens von Grenzen.

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Ist Jugendkriminalität also ein Unterschichtenproblem, die Folge falschen Medienkonsums, ein Kulturkampf gegen etablierte christliche Werte oder ein Ausländerproblem?

Für den Großteil derjenigen Jugendkriminalität, die als ubiquitär, temporär und bagatellhaft gilt, dürfte als Erklärung genügen, dass die Jugendzeit die Zeit höchster Aktivität und des Erkundens von Grenzen ist.

Ein weiterer Aspekt ist Aggression als erlerntes und über Generationen tradiertes Muster von Männlichkeit, das sich auch hierzulande bis heute findet, etwa in Initiationsriten in Jungenschulen, in der militärischen Ausbildung oder in gewaltbereiten Gruppierungen – und das auch etwa bei Mutproben eine Rolle spielt.

Ein weiterer Aspekt ist Aggression als erlerntes und über Generationen tradiertes Muster von Männlichkeit - ein Beipsiel: Mutproben.

Insbesondere für männliche Jugendliche gibt es eine darüber hinaus reichende Erklärung: Wissenschaftler sehen in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten einen Zusammenhang zwischen einem Überschuss unterbeschäftigter junger Männer und einer Verwicklung in Eroberungskriege, Terror und Verbrechen; diese Gemeinsamkeit reicht von der Entstehung des britischen Weltreichs bis zu al-Qaida und setzt sich etwa in den Randalen von Hooligans in deutschen Fußballstadien fort. Kriminalstatistiken zufolge waren Anzahl der Gewalttaten und Alter der Täter 1885 vergleichbar mit 2001.

Der "Jugendüberschuss" an "zornigen Männern" geht vielfach nicht nur auf zu viel Testosteron, sondern je nach Kulturkreis auch auf die fehlende Aussicht Viert- oder Fünftgeborener auf einen Platz im sozialen Gefüge – etwa durch die Erbfolge oder damit verbunden auf dem Heiratsmarkt – zurück, erhöht die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft und hat schon oft genug zu Verteilungskämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen geführt, wenn zu Hause keine Zukunftsperspektive bestand.

Indem im Rahmen von Migration eine große Anzahl junger Männer aus Afrika oder dem Nahen Osten nach Deutschland kommt, bringen sie diese Problematik mit sich nach Deutschland – und dabei kommen oft diejenigen Männer ins Land, die schon in ihren Heimatländern wegen ihrer mangelhaften Ausbildung keine Jobperspektiven hatten. Angesichts von 300 Millionen jungen Männern aus der Dritten Welt, die Wissenschaftlern zufolge in den kommenden 15 Jahren außerhalb ihrer Heimat um Positionen kämpfen müssen, ist mit einer weiteren Zuspitzung zu rechnen; dabei seien die islamischen Länder, deren Bevölkerung innerhalb von fünf Generationen von 150 Millionen auf 1,2 Milliarden Menschen angewachsen ist, die mit dem größten Jugendüberschuss.

Jugendliche mit Migrationshintergrund

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Die Zahlen weisen auf einen überproportionalen Anteil von Jugendlichen mit Migrations- hintergrund hin.

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Der Mikrozensus 2014 hat ergeben, dass 27,7 % der 15- bis unter 20-Jährigen einen Migrationshintergrund haben. Der überwiegende Teil, nämlich 18,2 %, besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit, 9,5 % eine ausländische.

Die Zahlen – etwa aus Köln, Berlin oder Baden-Württemberg – weisen auf einen überproportionalen Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund hin. In Berlin lag der Anteil von Migrantenkindern an der Jugendgruppengewalt 2006 bei 44,7 %; eine Untersuchung von 138 Intensivtätern 2004 ergab einen Anteil von nahezu 80 %. In Baden-Württemberg lag der Anteil von Migrantenkindern an den Intensivtätern bei 45,9 % plus 17 % Aussiedler, die als deutsche Tatverdächtige geführt wurden. In Köln führt die Polizei Mehrfachtäter-Statistiken und ordnet mehr als 60 % als Türken, Araber oder Deutsche mit Migrationshintergrund ein.

Fehlende Bildung und schwierige soziale Bedingungen - Jugendliche mit Migrationshintergrund sind diesen Umständen häufiger ausgesetzt als deutsche Jugendliche.

Auch in Schülerbefragungen gaben vor allem Jugendliche mit Wurzeln in der Türkei oder im ehemaligen Jugoslawien zum Teil bis zu zweimal häufiger an, ein Gewaltdelikt begangen zu haben, als Schüler ohne Migrationshintergrund; zudem wiesen sie höhere Mehrfachtäteranteile auf. Eine deutschlandweit repräsentative Schülerbefragung 2007/2008 ergab hinsichtlich des Gewaltniveaus kaum Unterschiede zwischen Jugendlichen asiatischer, nord-/westeuropäischer und einheimischer Herkunft. Die höchsten Gewalttäteranteile bestehen demnach bei Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien, gefolgt von Jugendlichen südeuropäischer, südamerikanischer, türkischer und italienischer Herkunft.

Als Ursachen werden kulturbedingte Rollenmodelle und Erziehungsmethoden, krude Ehrbegriffe, verinnerlichte gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, eigene Gewaltopfererfahrungen, die räumliche Begrenzung der Lebenswelt auf den eigenen Kiez bzw. ihr eigenes Milieu, Integrationsprobleme, sprachliche bzw. Verständigungsdefizite, eine niedrige Schulbildung, Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, defizitäre Lebenslagen und schwierige soziale Bedingungen ganz allgemein angesehen, denen Jugendliche mit Migrationshintergrund noch häufiger ausgesetzt sind als deutsche Jugendliche. Wissenschaftler sprechen von unterschiedlichen soziodemographischen Merkmalen, die sich auch in verschiedenen Sozialstrukturen oder je nach Schultypus zeigen. So erwerben 72 % der in Deutschland lebenden Türken selbst dann keine berufliche Qualifikation, wenn sie hier geboren sind.

Jugendkriminalität – ubiquitär und temporär?

Hintergründe und Ursachen

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