Vielfalt Integration Diversity Montage about different professions
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Integration als Kriminalitätsprävention?

Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen

Wurde die Zuwanderung von Gastarbeitern anfangs noch als vorübergehender Aufenthalt begriffen und die Frage nach einer Integration überhaupt nicht gestellt, hat sich längst ein politisches Verständnis von Deutschland als Einwanderungsland durchgesetzt. Die Nicht-Integration von Zuwanderern hat sich als Fehler erwiesen und zu Loyalitätskonflikten, Parallelgesellschaften, Clanstrukturen und Radikalisierung zumindest beigetragen. Kann die Förderung von Integration im Umkehrschluss der Kriminalitätsprävention dienen?

Zuwanderung nach Deutschland

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2016 hatten 23 % der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrations- hintergrund.

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2016 hatten 23 % der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund. Neben zwischenzeitlich Eingebürgerten waren die größten Ausländergruppen ohne deutsche Staatsbürgerschaft Türken (1,5 Mio.), Polen (867.000) und Syrer (699.000).

Diese Bevölkerungszusammensetzung geht auf verschiedene größere Zuwanderungsbewegungen zurück:

  • auf die Zuwanderung von Gastarbeitern und den Nachzug von deren Familien (vor allem aus Italien, Spanien und der Türkei, aber auch aus Griechenland, Jugoslawien und Portugal) seit dem ersten Anwerbeabkommen 1955,
  • auf die Zuwanderung geflüchteter Menschen aus Osteuropa während des Kalten Krieges, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall der Sowjetunion auch durch den Zuzug von Spätaussiedlern (bis 1987 vor allem aus Polen und Rumänien, ab 1988 besonders aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion) noch wesentlich erhöht hat,
  • auf die Zuwanderung geflüchteter Menschen aus den Kriegsgebieten des ehemaligen Jugoslawiens in den 1990er Jahren, die zum Teil in Deutschland geblieben sind,
  • auf die Zuwanderung aus den neuen EUMitgliedsstaaten, die sich in den vergangenen zehn Jahren vervielfacht hat (neben Polen vor allem Rumänien plus 636 % und Bulgarien plus 563 %), sowie
  • auf die Zuwanderung geflüchteter Menschen aus dysfunktionalen oder von Kriegen betroffenen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens (vor allem aus Syrien, Afghanistan und Irak), insbesondere seit 2015.

Fehler der Vergangenheit

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Die Frage einer Integration stellte sich anfangs überhaupt nicht.

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Die Anwerbung von Gastarbeitern basierte ursprünglich auf der Idee eines Rotationsmodells, dem zufolge nur ein Arbeitsaufenthalt für eine beschränkte Zeit erfolgen sollte. Sowohl die deutsche Seite, als auch die Abgabeländer und die Gastarbeiter selbst, gingen von einem vorläufigen Aufenthalt in Deutschland aus. Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage einer Integration anfangs überhaupt nicht. Nachdem die Arbeitslosigkeit in Deutschland anstieg und 1973 zu einem Anwerbestopp führte, änderte sich zwar die Lage; in Deutschland setzte eine kontroverse Diskussion um die Rückkehr aller Gastarbeiter in ihre Heimat ein, während die Herkunftsländer sich an ihrer Reintegration wenig interessiert zeigten und eine Entfremdung deutlich wurde. Doch dies führte lediglich zu einem erhöhten Druck zur Anpassung, nicht jedoch zur Steuerung von Integration. Letztlich bildete sich aus den in Deutschland verbliebenen Gastarbeitern eine dauerhafte Unterschicht im Arbeits- und Wohnungsmarkt mit einem extrem hohen (Alters-) Armutsrisiko.

Auch eine Steuerung der Integration von Menschen, die infolge großer Fluchtbewegungen nach Deutschland gekommen sind, hat lange Zeit nicht stattgefunden – weil auch hier stets davon ausgegangen wurde, dass Flüchtlinge nur vorübergehend nach Deutschland kommen und nach dem Wegfall der Fluchtursachen in ihre Heimatländer zurückkehren. Ein Beispiel ist der Bürgerkrieg im Libanon ab 1975, in dessen Folge viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hier jedoch mangels individueller politischer Verfolgung oft kein Asyl, sondern lediglich eine Duldung erhielten. Dadurch wurde ihnen auch keine Arbeitsaufnahme gestattet, was zu einem dauerhaften Sozialleistungsbezug führte und als zusätzliches Integrationshindernis wirkte. Auch wenn sich keine unmittelbare Kausalität herstellen lassen mag, ist doch festzustellen, dass die heutigen arabisch-kurdischen bzw. palästinensisch-libanesischen Großclans in Deutschland ihre Mitglieder aus diesen Menschen rekrutiert haben.

Integration von Zuwanderern

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Unter Integration versteht man die soziale Eingliederung zugewanderter Menschen.

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Unter Integration versteht man die soziale Eingliederung zugewanderter Menschen:

  • im kulturellen Sinne hinsichtlich des Erwerbs kommunikativer Kompetenzen wie Sprache, Wissen und Fähigkeiten, aber auch mit Blick auf Werte und Normen, Rechtsordnung und Einstellungen der Aufnahmegesellschaft,
  • im strukturellen Sinne hinsichtlich der Teilhabe an Bildung und Arbeitsmarkt,
  • im sozialen Sinne hinsichtlich der alltäglichen sozialen Beziehungen, also nachbar und freundschaftlichen Kontakten, Gruppen- und Vereinsmitgliedschaften, sowie
  • im identifikatorischen Sinne hinsichtlich des persönlichen Zugehörigkeitsgefühls zur kulturellen oder nationalen Gemeinschaft.

Länder, die sich selbst traditionell als Einwanderungsländer verstehen, steuern nicht nur vielfach die gezielte, bedarfsorientierte Einwanderung, sondern fördern auch die kulturelle und wirtschaftliche Integration. Nachdem die deutsche Politik etwa mit dem Beginn dieses Jahrtausends begann, Deutschland als Einwanderungsland zu betrachten, hat auch die Frage der Integration zunehmende Bedeutung erlangt. Damit ist hierzulande eine kontrovers geführte Debatte um Integration und Integrationsdefizite vor allem muslimischer Zuwanderer verbunden.

Bedeutung von Integration

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Kontakte und Beziehungen zu Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft sind förderlich für die soziale Integration.

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Die Bedeutung von Integration wird deutlich, wenn man die Folgen von Nicht-Integration betrachtet:

  • im kultureller Hinsicht etwa sprachliche Ausgrenzung, divergierende grundlegende Wertvorstellungen, beispielsweise hinsichtlich der Gleichberechtigung der Frau, oder religiöse Intoleranz, oft mit der Folge der Bildung sich abgrenzender ethnischer Minderheitenkulturen,
  • in struktureller Hinsicht eine NichtTeilhabe an Bildung und Arbeitsmarkt, die jedoch eine besondere Bedeutung für das Entstehen interethnischer Kontakte haben und ohne die eine soziale und emotionale Hinwendung zur Aufnahmegesellschaft kaum gelingt,
  • in sozialer Hinsicht die Dominanz oder gar Beschränkung auf Kontakte zu Angehörigen der eigenen ethnischsoziale Gruppe, während Kontakte und Beziehungen zu Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft förderlich für die soziale Integration wären, oder
  • in identifikatorischer Hinsicht die ausbleibende Wahrnehmung, in der Aufnahmegesellschaft anerkannt zu werden.

Integration als Sicherheitsfaktor

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Es liegt auf der Hand, dass Integrations- förderung zugleich auch Kriminalitäts- prävention ist.

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Wenn soziokulturelle Basisfaktoren wie Muttersprache, Religionszugehörigkeit oder Sitten und Gebräuche beibehalten wurden, hat solche Nicht-Integration in der Vergangenheit vielfach zur Entwicklung ethnischer Minderheiten, zu Segregation und Ghettoisierung geführt.

Dies bereitet den Nährboden für Parallelgesellschaften, die auch Loyalitätskonflikte zwischen deutschem Rechtsstaat und beispielsweise islamischem Recht mit sich bringen und entweder in Clanstrukturen münden oder zu einer (islamistischen) Radikalisierung führen können.

Auch wenn man keine unmittelbare Kausalität zwischen Nicht-Integration und Kriminalität herstellen möchte, liegt es doch auf der Hand, dass Integrationsförderung zugleich auch Kriminalitätsprävention ist. Gerade die Teilhabe am Arbeitsmarkt führt nicht nur zu eigenem Verdienst anstelle von Sozialleistungsbezug, sondern auch zu Beschäftigung statt Langeweile, zu interethnischen Kontakten statt einer Fokussierung auf das eigene religiöse sowie ethnische Umfeld und wirkt im besten Fall auch identitäts- und sinnstiftend im Gegensatz zu Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit.

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