Zaun Grenze Stacheldraht fence with barbed wire on the border of the object at dawn with fog in the summer russia
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„Die Grenzwächter des 21. Jahrhunderts sitzen vor Computermonitoren“

Moderner Grenzschutz, Teil 1: Grenzbefestigung, Satellitenüberwachung, Analysedienste

Schon die bloße Länge der europäischen Küsten und Landgrenzen macht deutlich, dass sie sich mit klassischem Grenzschutz nicht lückenlos überwachen und sichern lassen. Neue Technologien bis hin zu einer vollautomatisierten Grenzüberwachung übernehmen zunehmend diese Aufgaben. Der erste Teil des Beitrags befasst sich mit moderner Grenzbefestigung, primär satellitengestützter Überwachung und innovativen Analysediensten.

Hochgerüstete Grenzbefestigung

Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, Vorposten Europas in Nordafrika, dienen als Beispiele für eine hochgerüstete moderne Grenzbefestigung. Der Grenzzaun bei Ceuta ist 24 km lang, sechs Meter hoch, mit Nato-Draht mit Klingen versehen und als Mehrfachumzäunung in drei Reihen angeordnet; die erste Reihe ist leicht nach vorn geneigt, zwischen ihr und der mittleren verläuft ein Drahtgeflecht. Im Vorfeld des Zaunes befinden sich Hindernisse, die Menschenmassen auflockern sollen. Wachtürme, Infrarotkameras sowie Bewegungs- und Geräuschmelder überwachen die Anlage. In der Vergangenheit haben spanische wie marokkanische Grenztruppen zur Grenzsicherung Gummigeschosse oder scharfe Munition eingesetzt.

Weitere Elemente moderner Grenzbefestigungen, die andernorts eingesetzt werden, sind beispielsweise

  • Weitsichtkameras,
  • Nachtsichtkameras mit Infrarotsystem und Wärmesensoren, die mit 200-fachem Zoom eine 360-Grad-Überwachung erlauben,
  • automatische Nachtüberwachungssysteme,
  • Herzschlagmessgeräte,
  • Atemluftscanner,
  • unterirdische Bewegungssensoren,
  • Bodensensoren, wie man sie zur Erdbebenwarnung kennt,
  • LKW-Röntgenanlagen,
  • mobile Überwachungssysteme mit Bodenaufklärungssystemen,
  • mit Radar, hochauflösenden Kameras, Sensoren und Onboard-Datenverarbeitung bestückte KI-Roboter-Fahrzeuge für den Land-Einsatz, der auf Basis vorprogrammierter Regeln vollautomatisch patrouilliert,
  • Drohnen („Flugroboter“), die aus bis zu 20 km Höhe Menschen weit außerhalb des Grenzbereichs beobachten, auch als vernetzte Drohnen-Flotten, auch zum Angriff gegen andere Drohnen etwa mittels elektromagnetischer Schockwellen oder Versprühen von schnell härtendem Polymerschaumstoff,
  • unbemannte Offshore-Landeplattformen, auf denen Drohnen vollautomatisch landen und auftanken können,
  • oder ein derart präzises Radarsystem, dass es noch aus über 200 km Entfernung kleinste Objekte aufspür,
  • aber auch ein Radargerät mit hochintegrierten Sende- und Empfangsmodulen, die den Radarstrahl elektronisch schwenken und so gleichzeitig Ziele suchen und verfolgen können, wozu bei konventionellen Radaranlagen mehrere Geräte notwendig sind.

Radarsysteme mit Reichweiten von 20 Kilometern

Oft werden Nachtsichtkameras und klassische Radarsysteme mit Reichweiten von bis zu 20 km in Sensortürmen verbaut. An einigen Grenzen werden auch Selbstschussanlagen eingesetzt, die etwa bei Annäherung auf 300 Meter schießen.

Die einzelnen Komponenten werden individuell zu integrierten Grenzschutzsystemen, sogenannten „Integrated Border Security Systems“, zusammengestellt, die ein reibungsloses, automatisches Zusammenspiel der Einzelsysteme sicherstellen. Soweit noch menschliche Entscheidungen vonnöten sind, werden diese in Zentralen getroffen, in denen alle Daten zusammenlaufen – die Grenzwächter des 21. Jahrhunderts sitzen vor Computermonitoren.

Gesamtküstenlänge von 117.000 Kilometern

Jedoch hat Spanien eine Küstenlänge von 5.000 km, Frankreich von 3.400 km, Italien von 7.600 km, Slowenien immerhin von 46,6 km, Kroatien von 5.800 km, Griechenland von 13.700 km. Streng genommen müsste man auch noch die EU-Länder Bulgarien und Rumänien mit ihrer Schwarzmeerküste anführen, von Atlantik, Nord- und Ostsee ganz abgesehen – und wollte man die gesamte Küstenlänge Europas aufsummieren, ergäben sich rund 117.000 km. Auch ohne die Grenzen auf dem Lande mitzurechnen, sind das Größenordnungen, die sich mit klassischem Grenzschutz nicht lückenlos überwachen und sichern lassen.

Weitere befestigte Abschnitte der EU-Außengrenze befinden sich deshalb lediglich noch in Schwerpunktbereichen an der griechisch-türkischen Grenze (seit 2012), der bulgarisch-türkischen Grenze (seit 2014) und der ungarisch-serbischen Grenze (seit 2015).

Ob über Land oder über Wasser: Drohnen kommen zunehmend zur Überwachung von Grenzen zum Einsatz.
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Grenzüberwachungssystem EUROSUR

Das Europäische Grenzüberwachungssystem (EUROSUR) wurde 2013 geschaffen, um möglichst frühzeitig Erkenntnisse zur Aufdeckung, Prävention und Bekämpfung von illegaler Einwanderung und grenzüberschreitender Kriminalität zu erhalten und an die EU-Grenzagentur FRONTEX weiterzuleiten.

EUROSUR verarbeitet dazu die Aufklärungsdaten etwa von Satellitensuchsystemen, Flugzeugen, Drohnen, Aufklärungsgeräten, Offshore-Sensoren und hochauflösenden Kameras.

Langstreckendrohnen der MALE-Klasse

FRONTEX setzt zudem auf einen Dienst zur luftgestützten Überwachung im Rahmen der Aufgaben des Küstenwachschutzes, auf eine Überwachung des Mittelmeeres mit Langstreckendrohnen der MALE-Klasse, die von der Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) geflogen werden, auf von Flugzeugen über dem Mittelmeer aufgenommene Videos, die in Echtzeit in ein Lagezentrum der EUROSUR-Zentrale gestreamt werden, oder auf eine Grenzraumüberwachung aus der Luft durch Fesselballons.

Der „EUROSUR Fusion Service“ (EFS) als Plattform für die Verarbeitung und Darstellung von Fernerkundungsdaten greift auch auf Daten zurück, die durch das „Copernicus“-Programm bereitgestellt werden, und bietet zudem etwa einen Abruf von meteorologischen Daten, ein maritimes Simulationsmodell oder ein System zur Verfolgung von Schiffsrouten an.

Seit 2013 fast 200.000 Ereignisse zu irregulärer Migration übermittelt

Seit 2013 hat EUROSUR fast 200.000 Ereignisse zu irregulärer Migration an FRONTEX übermittelt. Dort werden die verschiedenen Daten etwa aus Satellitenbildmaterial, Daten von Schiffsortungssystemen, meteorologischen Informationen und geheimdienstlichen Erkenntnissen zusammengeführt.

Satelliten können etwa Ortungsdaten von Schiffen über eine Strecke von 80.000 Kilometer übermitteln.
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Erdbeobachtungsprogramms „Copernicus“

Die von EUROSUR genutzten Satellitendaten stammen von optischen und radarbasierten Satelliten des EU-Erdbeobachtungsprogramms „Copernicus“, das sich in elf verschiedene Dienste zum Zweck der Grenzüberwachung unterteilt (z. B. in klassische Küstenüberwachung, Überwachung des Seeverkehrs oder Überwachung des Grenzvorbereichs, aber auch in die neuen Analysedienste „Großräumige Umweltbewertung zur Risikoanalyse“, „Erdbeobachtungs-Aufklärungsdienst“ sowie „Bewertung von Migrationsbewegungen und grenzüberschreitenden kriminellen Netzen“).

Auch der „Dienst zur Erkennung von Unregelmäßigkeiten im Schiffsverhalten“ ist ein Analyseprodukt, mit dem aus verschiedenen Datenquellen Schiffspositionen zu verschiedenen Zeitpunkten erfasst und mit einem „typischen“ Verhalten verglichen werden. Im Rahmen des Schiffsortungsdienstes und des Schiffverfolgungs- und -meldedienstes finden beispielsweise eine satellitengestützte Schiffsortung mittels „Search and Rescue“ (SAR) sowie eine (optische) Identifizierung mit kollaborativen Systemen wie „Automatic Indentification System“ (AIS) und „Long Range and Identification Tracking“ (LRIT) statt.

Übertragung nahezu in Echtzeit

Weitere Satellitenbilder stammen von kommerziellen Anbietern; zu den Bildlieferanten gehört etwa der Airbus-Konzern, der Bilder seiner Radarsatelliten „TerraSar-X“ und „TanDEM-X“ vemarktet. Über dessen „Weltraumdatenautobahn“ erhält „Copernicus“ Daten aus dem Orbit mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 1,8 Gbit/s nahezu in Echtzeit. Die Satelliten können Daten bis zu 80.000 km weit übermitteln, indem sie per Laser eine Verbindung zwischen tiefer fliegenden Beobachtungssatelliten oder Drohnen und einer Bodenstation herstellen.

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