Startup Business Progress Strategy Enterprise
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SERIE: 5 Fragen an ...

„Die Einkaufswege zu Startups von Stolpersteinen befreien“

Interview mit Anja Theurer vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr

Längst hat die Bundeswehr jede Form digitaler Innovation im Blick, die ihr nützlich sein kann. Der Markt der innovativen Technologien wird von Startups getrieben. Deren Beauftragung darf jedoch weder an zu hohen Eignungskriterien, noch an komplizierten und langwierigen Verfahren scheitern. Der Cyber Innovation Hub fungiert als Transmissionsriemen – und bietet Talenten eine Startup-ähnliche Arbeitsumgebung.
Anja Theurer ist Leiterin Finanzen, Verwaltung, Recht beim Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Zuvor war sie 8 Jahre lang Geschäftsführerin der Auftragsberatungsstelle Brandenburg und Sprecherin der Ständigen Konferenz der Auftragsberatungsstellen (StKA) in Deutschland. Als Rechtsanwältin ist Frau Theurer seit rund 17 Jahren auf die Bereiche Vergabe-, Bau- und Architektenrecht spezialisiert. Fast genauso lange hält sie als Referentin Seminare für Rechtsanwender aus der Praxis. Sie ist Beisitzerin bei den Vergabekammern des Bundes beim Bundeskartellamt sowie bei der Vergabekammer des Landes Brandenburg und Beiratsmitglied im Deutschen Vergabenetzwerk.
© Anja Theurer

VdZ: Welche Eignungskriterien muss ein Startup erfüllen, um die Bundeswehr beliefern zu dürfen?

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Wir nehmen jede Form digitaler Innovation in den Blick, sofern sie der Bundeswehr nützlich sein kann.

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Theurer: Bei der Beantwortung dieser Frage muss man zunächst einmal im Blick haben, dass der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr konkrete Markterkundung für die Bundeswehr betreibt, und zwar in dem ganz spezifischen Marktsegment „Startups“. Das heißt, dass wir kleinere Mengen an Testprodukten von Startups einkaufen und diese zusammen mit Nutzern in der Bundeswehr, in der Regel also Soldaten, testen.

Niedrige Eintrittsschwelle

Die Eintrittsschwelle i.S. Unternehmenseignung ist in diesem Stadium absichtsvoll sehr niedrig. Letztlich verlangen wir – neben dem Umstand, dass das Startup ein marktfähiges Produkt im Portfolio hat – lediglich, dass es bereits erfolgreich eine erste Finanzierungsrunde bei einem Risikokapitalgeber durchlaufen hat und dementsprechend grundfinanziert ist. Der Student in der Garage, der erst an seiner Idee „bastelt“, stellt demnach nicht unsere Zielgruppe dar.

Longlist infrage kommender Startups

Hinzu kommt, dass neue Technologien regelmäßig auch von deutlich mehr als einem einzigen Startup entwickelt werden. Der Cyber Innovation Hub hat deswegen eine eigene qualifizierte Startup-Datenbank aufgesetzt, auf deren Basis für bestimmte Technologien „Longlists“ infrage kommender Unternehmen erstellt werden.

Referenzkunden kein Muss

Bei der Auswahl derjenigen Startups, die zur Angebotsabgabe für die Lieferung von Testprodukten aufgefordert werden, haben dann unter Umständen diejenigen die Nase vorn, die bereits einen oder mehrere Referenzkunden vorweisen können. Das ist allerdings, wie eingangs dargestellt, keine zwingende Voraussetzung in jedem Projekt.

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Startups treiben den Markt der innovativen Technologien.

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Eignungskriterien im Vergabeverfahren

Wir können keine Aussage dazu treffen, welche Eignungskriterien das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) in einem Vergabeverfahren festlegen wird, mit dem eine vom Cyber Innovation Hub erfolgreich getestete Technologie zur Einführung in die gesamte Bundeswehr eingekauft wird – das liegt außerhalb unseres Verantwortungs- und Einflussbereiches. Wie bei jeder gut konzipierten Vergabe werden hier aber sicherlich die Erkenntnisse aus der Markterkundung zur Struktur des relevanten Anbietermarktes einfließen.

Anpassung der Eignungskriterien

Hilfreich ist insoweit übrigens auch ein Blick in die aktuelle Handreichung der EU-Kommission zur innovativen Beschaffung: die „Anpassung der Eignungskriterien“ wird hier explizit als ein Mittel zur Erleichterung des Zugangs von KMUs und damit auch Startups zu innovativen Beschaffungsverfahren der öffentlichen Hand genannt.

VdZ: Der Hintergrund Ihrer Zusammenarbeit mit Startups dürfte ja sein, dass neue Bedrohungslagen etwa im Bereich der Cybersicherheit zu neuen Leistungsanforderungen führen, die weder adäquat durch vorhandene Lieferanten, noch durch Eigenentwicklungen der Bundeswehr bedient werden können. Aber warum eigentlich nicht?

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Will die Bundeswehr von der technologischen Entwicklung in der Startup-Szene profitieren, muss sie sich in dieser Szene umtun.

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Theurer: Der Hintergrund unserer Zusammenarbeit mit Startups ist tatsächlich ein etwas anderer: in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass innovative Entwicklungen nicht mehr – nur – in den traditionellen Groß- bzw. Industrieunternehmen stattfinden, sondern verstärkt in der Startup-Branche, offenbar weil die Unternehmen hier mittels besonderer Arbeitsmethoden schnelle und kundenorientierte Erfolge hervorbringen. Diese Entwicklung ist exponentiell.

In der Szene umtun

Will die Bundeswehr von der technologischen Entwicklung in der Startup-Szene profitieren, muss sie sich daher in dieser Szene „umtun“. Das ist für einen derart großen Beschaffer wie der Bundeswehr nicht ganz einfach: Startups richten an ihre Auftraggeber in der Regel folgende Anforderungen: eine Beauftragung muss unkompliziert vonstatten gehen können, und es muss schnell gehen. Beides ist in den klassischen Bundeswehrbeschaffungsprozessen häufig nicht der Fall.

Neue Impulse durch Startups

Der Cyber Innovation Hub soll hier gewissermaßen als „Transmissionsriemen“ fungieren, damit die Einkaufswege zu Startups von Stolpersteinen befreit werden. Wir gehen daher nicht unbedingt davon aus, dass klassische Lieferanten die Bedarfe der Bundeswehr generell nicht mehr bedienen könnten. Kaufen von Startups kann aber neue Impulse setzen und Technologien nicht nur schneller zur Verfügung stellen, sondern – u.U. deutlich – günstiger sein, als wenn man lediglich den klassischen Anbietermarkt im Blick hat. Startups treiben so gesehen heute zum Teil den Markt der innovativen Technologien.

Jede Form digitaler Innovation im Blick

Im Übrigen beschäftigt sich der Cyber Innovation Hub nicht ausschließlich und aktuell nicht einmal hauptsächlich mit Fragen der Cybersicherheit bzw. der Cyberabwehr – insoweit ist der Name etwas missverständlich. Vielmehr nehmen wir jede Form digitaler Innovation in den Blick, sofern sie der Bundeswehr, in welchem ihrer Geschäftsbereiche auch immer, nützlich sein kann. Das können Themen der mobilen taktischen Kommunikation oder der Aufklärung, aber auch der Logistik oder der Wissensvermittlung sein. Allerdings spielt der Gesichtspunkt „Schnelligkeit“ natürlich in der Tat in Fragen der Cybersicherheit eine besondere Rolle, wenn man in den technischen Möglichkeiten nicht hinter jenen potenziellen Aggressoren zurückfallen will.

VdZ: Sie sprechen von digitaler Innovation. Inwiefern findet Digitalisierung denn auch bei der Bundeswehr statt?

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Neben der Technologie spielen die Themen Fähigkeiten und Talente eine entscheidende Rolle.

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Theurer: Ich habe natürlich keinen Überblick über die ganze Bundeswehr bzw. alle einschlägigen Aktivitäten, der Cyber Innovation Hub ist ja nur ein sehr kleiner Teil der riesigen Organisation.

Duale Digitalisierungsstrategie

Fest steht aber jedenfalls, dass in der Bundeswehr eine duale Digitalisierungsstrategie verfolgt wird. Das bedeutet: zum einen wird die Kernorganisation inkrementell für das digitale Zeitalter „aufgerüstet“, indem etwa ein Cyberkommando in Dienst gestellt oder ein spezieller Studiengang für Cybersicherheit an der Bundeswehruniversität aufgelegt wird. Die Kernorganisation erneuert sich ausgehend von bestehenden Strukturen Schritt für Schritt.

Freiräume nutzen

Daneben wurde als zweiter Strang der Digitalisierungsstrategie mit dem Cyber Innovation Hub eine neue, kleine, wendige Einheit aus der Taufe gehoben, die Freiräume nutzen soll, um „out oft the box“ zu denken und zu handeln und dabei durchaus auch Prozesse der Kernorganisation in Frage zu stellen, damit man letzten Endes gemeinsam besser werden kann. Diese duale Strategie folgt den Best Practices, die sich in den letzten Jahren in der Wirtschaft herausgebildet haben, um die Anforderungen des Digitalzeitalters zu stemmen.

Herausforderungen der Digitalisierung

Ganz wichtig bei alledem ist: Digitalisierung bedeutet keinesfalls nur technologische Verbesserung im Sinne eines „gestern haben wir noch Akten auf einem Bock durch die Gegend geschoben, heute schicken wir Email-Anhänge herum“. Vielmehr bestehen die Herausforderungen der Digitalisierung in allererster Linie darin, Skills, also Fähigkeiten zu entwickeln und eingeschwungene Prozesse anzupassen oder gar, jedenfalls in Teilbereichen, komplett über Bord zu werfen.

Fähigkeiten und Talente

Neben der Technologie spielen also die Themen „Fähigkeiten“ und „Talente“ eine entscheidende Rolle. Die Gewinnung von Talenten für die Bundeswehr ist dementsprechend auch Teil des Auftrages des Cyber Innovation Hub. Wobei wir hier dann wiederum nicht nur von technischen Talenten sprechen – die benötigt man natürlich u.a. beim Einkauf digitaler Innovationen oder für die Cyberabwehr, sondern ganz besonders von „Change Makern“, also Persönlichkeiten, welche die Fähigkeit haben, die für das Digitalzeitalter nötigen Anpassungen im Bereich der soft skills aus ihrem Umfeld „herauszukitzeln“.

VdZ: Sie haben schon die Anforderungen von Startups an ihre Auftraggeber beschrieben. Bei Talenten gilt dies ja gleichermaßen: Der Kampf um Fachkräfte, die in der Lage sind, die Digitalisierung zu gestalten, ist in vollem Gange. Welche Mittel stehen Ihnen zur Verfügung, um im Wettbewerb etwa mit der Wirtschaft zu bestehen?

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Für viele ist das schon ein Stück Dienst am Vaterland.

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Theurer: Wir haben enormes Interesse unterschiedlichster Bewerber an einer Mitarbeit im Cyber Innovation Hub. Das dürfte in erster Linie daran liegen, dass die Aufgaben interessant sind und die Leute die Tätigkeit als sinnvoll erachten. Auch wenn es etwas pathetisch klingen mag: aber für viele ist das schon ein Stück „Dienst am Vaterland“.

Finanzielle Aspekte

Der finanzielle Aspekt tritt da in den Hintergrund – sicherlich kann eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst bzw. einer hierzu im weiteren Sinne gehörigen Organisation im Zweifel nicht mit Gehältern in der Wirtschaft mithalten. Das scheint aber – so unsere Erfahrung – entgegen der landläufigen Meinung eben nicht immer den Ausschlag zu geben.

Arbeitsumgebung wie bei Startups

Außerdem bietet der Cyber Innovation Hub eine tolle Arbeitsumgebung. Wir sind hier hinsichtlich Büros, Coworking Spaces etc. wie ein Startup aufgestellt – nicht zuletzt deswegen, um das für uns relevante Personal nicht durch „Amtsmuff“ zu verschrecken!

VdZ: In der Wirtschaft gibt es die Sichtweise, dass der Staat – schon mit Blick auf Personalkapazitäten und die Dringlichkeit etwa im Bereich der Cyber-Sicherheit – auf Eigenentwicklungen verzichten und stattdessen enger mit der Wirtschaft zusammenarbeiten sollte. Allerdings stellt man sich dabei auch innovative Kooperationsformen etwa im Rahmen von sogenannten Experimentalräumen vor. Halten Sie das für einen denkbaren Weg für die Zukunft?

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Mann muss neue Verfahrensarten mutig nutzen.

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Theurer: Einen solchen Experimentalraum hat die Bundeswehr mit dem Cyber Innovation Hub ja gerade geschaffen. Auch für andere Bereiche bzw. Ressorts ist das sicherlich denkbar oder sogar naheliegend.

Jenseits der Prozesse der Kernorganisation

Experimentalraum bedeutet dabei aus meiner Sicht, dass sich die neue Einheit zwar – selbstverständlich – im Rahmen der geltenden Gesetze bewegt, allerdings idealiter jenseits der Prozesse der Kernorganisation agiert und auch nicht an überschießende interne Verwaltungsregelungen der Kernorganisation gebunden ist. Das „nackte“ Vergaberecht ist in diesem Zusammenhang übrigens nach meiner Erfahrung nicht das Problem. Wichtig ist nur, dass die gesetzlichen Regelungen nicht durch weitere interne Vorgaben verkompliziert werden. Außerdem muss man neue Verfahrensarten mutig nutzen.

Dynamische Elektronische Beschaffung

Der Cyber Innovation Hub z.B. will künftig verstärkt Wettbewerbe zum Scouting von Innovationen einsetzen und auch das Instrument der Dynamischen Elektronischen Beschaffung (DBS) konsequent nutzen. In der Zielstellung ist geplant, mehrere unsere jeweiligen Schwerpunktbereiche abdeckende DBS aufzulegen und Startups, die von uns identifiziert und in unsere Datenbank aufgenommen werden, standardmäßig zu einer Teilnahme am passenden Verfahren zu motivieren. Auf diese Weise können wir, wenn sich Beschaffungsbedarfe konkretisieren, selbst im Oberschwellenbereich bei kürzest möglichem Zeiteinsatz vergaberechtskonformen Wettbewerb organisieren.

 

Hinweis: Namentlich gekennzeichnete Interviews geben die persönliche Meinung der Interviewpartnerin/des Interviewpartners wieder. Sie müssen nicht unbedingt die offizielle Position des Bundesministeriums der Verteidigung widerspiegeln.

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