Integration Diemelstadt Zukunftswerkstatt
© Stadt Diemelstadt
SERIE: Impulse für die Integrationsarbeit vor Ort

Integration als Chance begreifen

Wie Diemelstadt langfristige Integration mit der Partizipation der Bevölkerung in Einklang bringt

Im Modellprojekt „Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum“ hat das Land Hessen sieben Modellkommunen mit einer Größe von 5.000 bis 10.000 Einwohner und negativer demografischer Prognose ausgewählt. Diese wurden mit 300.000 Euro gefördert, um mit verschiedenen Projekten Zuwanderung als Chance zu begreifen. Hierfür konnten Projekte in den Bereichen Bildung, Spracherwerb, Wohnraum, Mobilität und Arbeit eingereicht werden. Verwaltung der Zukunft hat mit der Flüchtlingskoordinatorin der teilnehmenden Kommune Diemelstadt Maria Schmidt über die Integrationsmaßnahmen der Stadt gesprochen.

Teilnehmende Kommunen:

  • Aarbergen  (Rheingau-Taunus-Kreis)
  • Alheim (Landkreis Hersfeld-Rotenburg)
  • Bad Sooden-Allendorf (Werra-Meißner-Kreis)
  • Diemelstadt (Landkreis Waldeck-Frankenberg)
  • Laubach (Landkreis Gießen)
  •  Mengerskirchen (Landkreis Limburg-Weilburg)
  • Neustadt (Landkreis Marburg-Biedenkopf) 

5.300 Einwohner in 9 Stadtteilen im Landkreis Waldeck-Frankenberg nordöstlich des Rothaargebirges – das ist Diemelstadt. Seit 1967 hat sich die Geburtenrate der Stadt halbiert. Bis 2035 könnte dies zu einem Bevölkerungsrückgang von circa 10 % führen.

Seit 2015 hat die Stadt etwa 125 Flüchtlinge aufgenommen. Für ihre Integrationsmaßnahmen ist der Ort  mit 16.800 € durch das Modellprojekt gefördert worden. Dem Landkreis Waldeck-Frankenberg wurden durch das Hessische Ministerium des Innern und für Sport weitere 583.000 €  zum Ausgleich von Aufwendungen für Flüchtlinge bewilligt. Die Kommune wurde mehrfach für ihre Integrationsarbeit ausgezeichnet.

Maria Schmidt
Maria Schmidt ist seit Anfang 2016 Flüchtlingskoordinatorin in Diemelstadt.
© Stadt Diemelstadt

Mit Zuwanderung Fachkräftemangel kompensieren

Diemelstadt will humanitäre Hilfe und langfristige Integration im Einklang mit der einheimischen Bevölkerung bestmöglich umsetzen. Dafür hat sich die Kommune zum Ziel gemacht 30 % ihrer aufgenommenen Flüchtlinge zu finanziell unabhängigen Bürgern zu machen. Ein Leitgedanke ist dabei die strategische Umdeutung der Integration als Chance für den Fachkräftemangel und Abwanderung von Arbeitskräften.

Anfang 2016 wurde in Diemelstadt die Stelle einer Flüchtlingskoordinatorin geschaffen, deren Amt Maria Schmidt innehat. Schmidt betreut die Geflüchteten und Migranten im persönlichen Kontakt, organisiert Projekte und stellt die Anlaufstelle für das Ehrenamt sowie alle beteiligten Behörden und Unternehmen dar. 

Die Aufnahme von Flüchtlingen nicht ausschließlich als Belastung und Herausforderung zu sehen, war und ist tatsächlich ein wichtiger Grundstein unserer Arbeit.

 

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Die Aufnahme von Flüchtlingen nicht ausschließlich als Belastung und Herausforderung zu sehen, war und ist tatsächlich ein wichtiger Grundstein unserer Arbeit.

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Kein öffentlicher Raum wurde zweckentfremdet

Diemelstadt bemüht sich stetig die einheimische Bevölkerung innerhalb der Integrationsmaßnahmen zu berücksichtigen und miteinzubeziehen. Bereits bei der Unterbringung der Geflüchteten wurde das deutlich. Die Stadt hat keine öffentlichen Räumlichkeiten zweckentfremdet: „Durch frühzeitige Bemühungen konnten alle Personen in eigens hierfür angemieteten Wohnungen oder in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden. Dies hatte den positiven Nebeneffekt, dass teils länger bestehender Leerstand privater Wohnungen abgebaut werden konnte“.

Teilnahme am Sprachunterricht als Bedingung

Nachdem die Unterbringung  der Geflüchteten geregelt war, wurden umfassende Möglichkeiten zur Sprachschulung eingerichtet.  „Es ist etwas völlig anderes, ob ich in der Schule eine Fremdsprache erlerne, die nicht existenziell für mein Leben ist und ohne die ich im Alltag gut auskomme, oder ob ich aufgrund der Flucht aus meinem Land plötzlich eine Zweitsprache erlernen muss, um am alltäglichen Leben teilhaben zu können“, erklärt der Sprachwissenschaftler Thomas Küster. Vor allem die Bereitschaft der gesamten Familie Deutsch zu lernen, sei hier gefragt. Nicht nur einzelne Familienmitglieder, alle sollen zur Kommunikation fähig sein.

Wer beispielsweise im örtlichen Verein Fußball spielen wollte, müsse die Teilnahme am Sprachunterricht nachweisen.

Um Geflüchtete für den Spracherwerb zu motivieren wurden in der Stadt Verknüpfungen geschaffen. Wer beispielsweise im örtlichen Verein Fußball spielen wollte, müsse die Teilnahme am Sprachunterricht nachweisen. „So wurde zunehmend geschaut, wie die Beteiligung am Sprachunterricht oder anderen Angeboten ist und daran orientierend das Maß der jeweiligen Unterstützung erhöht oder gemindert“ , betont die Flüchtlingskoordinatorin.

Papagei" Sprachschule
Diemelstadt hat den Geflüchteten die virtuelle Sprachschule "Papagei" zur Verfügung gestellt.
© Trenkwalder Learning GmbH

Rückschläge durch wechselnde Kompetenzen und fehlender Eigeninitiative

Zunächst konnte die Stadt ehrenamtliche Kursangebote sowie  Alphabetisierungskurse  und  große BAMF-Integrationskurse (600 bzw. 900 Stunden mit Prüfung) anbieten. Mit dem Wechsel der Zuständigkeiten vom Kreissozialamt zum Jobcenter wurde das weitere Angebot der Kurse trotz Bedarfe in Diemelstadt eingestellt, erklärt Schmidt.

Die Stadt testete außerdem über sechs Monate die virtuelle Sprachschule „Papagei“, welche den Geflüchteten  für Smartphone und PC zur Verfügung gestellt wurde. Mit dem Ausbleiben der anfänglichen externen Betreuung fehlte hier allerdings das Interesse am selbstständigen Lernen, beklagt die Fachbedienstete für Bürgerservice.

Bundeswettbewerb "Zusammen leben Hand in Hand - Kommunen gestalten"
Die Zukunftswerkstatt in Diemelstadt wurde vom Bundeswettbewerb "Zusammen leben Hand in Hand - Kommunen gestalten" in der Kategorie "Hervoragende strategische Aktivitäten" mit 25.000 € prämiert.
© Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Partizipation und Prävention von Vorurteilen durch Zukunftswerkstätte

2015 und 2017 fand in Diemelstadt  jeweils eine große Zukunftswerkstatt mit Arbeitsgruppen, Workshops und Infoständen statt. Vertreter städtischer Ämter, der evangelischen Kirche, der Politik, der Kreisverwaltung, der Sportvereine, Ehrenamtliche u.v.m. erarbeiteten mit den Bürgern ein Leitbild wie mit Zuwanderung dem demografischen Wandel begegnet werden kann.

Daraus ergaben sich verschiedene Sprach- und Integrationsmodule, eine Verkehrserziehung, die Verbesserung der Mobilität sowie ein Konzept zur  Integration der Geflüchteten  in den Arbeitsmarkt.

„Die beiden Veranstaltungen […] haben einen maßgeblichen Anteil daran, dass die Bevölkerung sich aktiv an der Gestaltung der zukünftigen Lebenssituation hier in Diemelstadt beteiligen kann. Diese Partizipation bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf die Themen Migration und Flüchtlinge, sondern auch auf Mobilität, Wohnraum, Arbeitsplatz und weitere allgemeine Belange.“ Als weiteren positiven Effekt nennt die Flüchtlingskoordinatorin den Abbau von Vorbehalten seitens der einheimischen Bevölkerung. „Diese Form der partizipativen Gestaltung trägt nachhaltig zu einer positiven Grundstimmung der Bevölkerung bei.

Die Stadt plant für die Zukunft eine Dorfmoderation, in welcher es öffentliche Diskussionsrunden in allen neun Stadtteilen geben wird. Hier soll zusätzlich Raum geschaffen werden, um Problemen, Wünschen und Prioritäten zu äußern.

Fahrradreparatur Diemelstadt
Die gemeinsame Fahrradreparatur brachte Geflüchtete und einheimische Bürger zusammen.
© Stadt Diemelstadt

Vom Kochen bis zur Fahrradreparatur

Diemelstadt hatte bis 2015 weder Integrationsmaßnahmen noch konkrete ehrenamtliche Strukturen zur Unterstützung Geflüchteter. Im Mai 2015 bildete sich eine Kommission aus interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Die Kommission wurde als Gremium dem städtischen Magistrat zugeordnet und erhielt damit einen verbindlichen Charakter. Im Zuge regelmäßiger Treffen wurden Entscheidungen zur Flüchtlingsarbeit abgestimmt und weiteres Vorgehen geplant.

In Kooperation mit ehrenamtlichen Vereinen ergaben sich verschiedene Strukturen, welche Geflüchtete in ihrem Alltag unterstützten. Es bildeten sich feste Gruppen, etwa für gemeinsames Kochen einmal pro Woche („Interkulturelles Kochen“), eine Nähstube, eine Fahrradwerkstatt sowie eine Gruppe für ehrenamtlichen Sprachunterricht.

Nähstube Diemelstadt
Die in Diemelstadt eingerichtete Nähstube findet bei den Geflüchteten großen Anklang.
© Stadt Diemelstadt

„Die ehrenamtlichen Helfer waren beim Thema Spracherwerb vorrangig in der Anfangsphase involviert, um die teilweise erheblichen Wartezeiten auf die offiziellen Integrations- und Alphabetisierungskurse zu überbrücken.“

Auch Sportvereine brachten sich aktiv in den Integrationsprozess ein: “Zwischenzeitlich wurde ein Sportcoach zur Förderung und Unterstützung eingesetzt und sorgt seither für eine möglichst problemlose Einbindung der Flüchtlinge sowie die Verteilung von Fördermitteln des Landes Hessen.“

Stadt Diemelstadt Logo
34 Flüchtlinge konnte Diemelstadt bisher in das Berufsleben oder vorbereitende Maßnahmen vermitteln.
© Stadt Diemelstadt

34 vermittelte Geflüchtete

30 % ihrer aufgenommenen Flüchtlinge zu finanziell unabhängigen Bürgern machen – das war das Ziel der hessischen Kommune. Inwiefern konnte diese Zielstellung bisher umgesetzt werden? „Auf der einen Seite ist es mit bereits erworbenen Sprachkenntnissen relativ problemlos möglich, alleinstehende Männer in Arbeitsverhältnisse zu vermitteln.“ Bei Familien sei die Unabhängigkeit von staatlicher Unterstützung allerdings schwieriger. Selbst wenn der Mann der Familie arbeite, reiche das Geld oft nicht aus, auch wenn dieser dem Arbeitsmarkt vermittelt wurde. Aktuell seien etwa 34 Personen berufstätig oder in einer vorbereitenden Maßnahme.

Mehr Spielraum für Kommunen

Um weitere Erfolge in der Integrationsarbeit zu erzielen, wünscht sich die Flüchtlingskoordinatorin mehr Handlungsmöglichkeiten für die Kommunen. Von vornherein seien diese von entscheidenden Prozessen wie Asylverfahren, Leistungsgewährung oder Arbeitsvermittlung ausgeschlossen. Besonders im Asylverfahren wäre der Einbezug der Kommunen wünschenswert, meint Schmidt. Man solle sich hierbei nicht nur an Herkunftsland und Fluchtursachen, sondern am Einzelfall orientieren.

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Ich würde mir wünschen, dass das Potenzial der vielen ländlichen Kommunen beim Thema Integration und Migration stärker wahrgenommen und die bereits erwähnte Förderung von Projekten und innovativen Wegen verstärkt würde.

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Für den Aufenthaltstitel schlägt die Diemelstädter Verwaltungsmitarbeiterin ein Punktesystem vor, das die Integrationsbemühungen und Erfolge der Geflüchteten abbildet. „Eine Person, die ursprünglich als Flüchtling nach Deutschland kam, zwischenzeitlich gute Sprachkenntnisse erworben hat, sowohl Arbeit als auch Wohnraum gefunden hat und allgemein gut integriert ist, sollte eine realistische Option auf Verbleib in Deutschland haben.“

Auch bei den monetären Mitteln sieht Schmidt eine große Baustelle: „Viele Initiativen scheitern  an der dauerhaften Finanzierung. “

Die Teilnahme an Integrationswettbewerben mit Preisgeldern seien dabei hilfreich, aber keine Lösung für langfristige Projekte und die Deckung von Personalkosten.

Ich würde mir wünschen, dass das Potenzial der vielen ländlichen Kommunen beim Thema Integration und Migration stärker wahrgenommen und die bereits erwähnte Förderung von Projekten und innovativen Wegen verstärkt würde.

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