Aktion Hessen hilft e. V. Landkreis Waldeck-Frankenberg
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SERIE: Impulse für Integrationsarbeit

Best Practice: Unterstützung der freiwilligen Rückkehr von Flüchtlingen

Eine Win-Win-Situation durch die Kooperation von Behörden und Hilfsorganisationen

Während der Balkankriege in den 1990er Jahren waren hunderttausende Flüchtlinge vor allem aus Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo nach Deutschland gekommen. Damals war früh klar, dass der Großteil der Zugewanderten nicht langfristig in Deutschland leben sollte. Die Aktion Hessen hilft e. V. hat seinerzeit die freiwillige Rückkehr zahlreicher Flüchtlinge aus Hessen in ihre Heimat unterstützt.

Im Sommer 2000 lebten noch ca. 160.000 ausreisepflichtige Kosovo-Albaner in Deutschland, die kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhalten hatten. Die unmittelbare Bedrohung, die der Krieg für sie bedeutete, war vorüber und in Deutschland war man bemüht, die Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer „zurückzuführen“. Dies erfolgte in geringer Anzahl durch zwangsweise Rückführungen, sprich: durch Abschiebungen. Die Behörden bevorzugten jedoch die Unterstützung der  freiwilligen Rückkehr der Flüchtlinge.

Aktion Hessen hilft Kosovo
Die Hilfsorganisation hatte stets das Gefühl, dass den "richtigen" Menschen Hilfe zugute kam.
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Projekte zur Rückkehrhilfe in Hessen

Vorreiter bei der Initiierung von Projekten zur Rückkehrhilfe in Hessen war der Main-Taunus-Kreis. Als auch der Landkreis Waldeck-Frankenberg ein ähnliches Projekt plante, empfahl der damalige Bosnien- und Kosovo-Beauftragte der Hessischen Landesregierung die Aktion Hessen hilft e. V. für die Umsetzung.

Das Selbstverständnis der Hilfsorganisation

Die Hilfsorganisation war bereits viele Jahre in der Region tätig. Für sie stellte sich die Frage, entweder Flüchtlingen bei ihrer Rückkehr zu helfen oder zusehen zu müssen, wie sie abgeschoben werden. Ihr kam es darauf an, wie die Hilfe gestaltet werden könnte. Die Hilfsorganisation wollte sich nicht instrumentalisieren lassen, sondern den Flüchtlingen zu einer Starthilfe verhelfen, die sie im Abschiebefall nicht erhalten hätten. Die Projekte, die mit der Aktion Hessen hilft e. V. als Projektpartner schließlich möglich wurden, entsprachen ihrem Verständnis von wirksamer Hilfe zur Selbsthilfe.

Aktion Hessen hilft e. V. Kosovo
Die Rückkehrhilfe umfasste je nach familiären Bedürfnissen Mobiliar, Haushaltsgeräte, Baumaterialien, Werkzeuge und kleinere Maschinen.
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Unterstützung bei der Rückkehr

Die Flüchtlinge konnten nicht nur ein Taschengeld, sondern den gesamten Hausstand, den sie in Deutschland besaßen, mitnehmen. Was sie geschenkt bekamen, sich selber kauften oder zusätzlich vom Main-Taunus-Kreis oder dem Landkreis Waldeck-Frankenberg bezahlt bekamen, konnten sie ebenfalls mitnehmen. Dazu zählten nicht nur benötigte Möbel, Haushaltsgeräte oder Baumaterialien, sondern auch Werkzeuge und kleinere Maschinen oder eine finanzielle Existenzgründungshilfe. Dadurch vervielfachte sich der Gegenwert der Starthilfe im Vergleich zu einer rein finanziellen Hilfe.

Die Rolle der Hilfsorganisation

Die Aufgabe der Aktion Hessen hilft e. V. war es, das Projekt umzusetzen, zunächst für 230 Flüchtlinge aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, dann aber auch für Flüchtlinge aus dem Main-Taunus-Kreis und zusätzlich aus dem Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen.

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Die Güter wurden in eigens eingerichteten Lagern zwischengelagert und dann gebündelt in den Kosovo transportiert.
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Die Hilfsorganisation holte die Güter in den deutschen Unterkünften der Flüchtlinge ab, lagerte sie in eigens eingerichteten Lagerhallen zwischen und führte dann gebündelte Transporte in den Kosovo durch. In der Zwischenzeit reisten die Flüchtlinge meistens per Flugzeug zurück in ihre Heimat.

Während die Aktion Hessen hilft e. V. am Anfang noch direkt mit den aus Deutschland entsandten LKWs zur Entladung zu den verschiedenen Heimatadressen der Flüchtlinge fuhr, errichtete sie später vor Ort ein zentrales Auslieferungslager, von wo aus die einzelnen Familien mit kleineren Fahrzeugen beliefert wurden.

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Die Auslieferung musste sich an den örtlichen Gegebenheiten orientieren.
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Die Komplexität wird deutlich, wenn man sich gleichzeitige Auslandsumzüge von dutzenden Familien vorstellt. Im besten Fall hatten die Flüchtlinge ihren Hausrat bereits selbst transportfähig verpackt. Dann mussten alle Packstücke nummeriert werden, um sie trotz der möglichst platzsparenden LKW-Verladung nach dem Transport wieder der entsprechenden Familie zuordnen zu können. Schließlich musste eine Zollabwicklung erfolgen, deren besondere Herausforderung darin bestand, dass Möbel usw. keine klassischen (zollfreien) Hilfsgüter sind, auch wenn sie hier diese Funktion erfüllten. Hinzu kam die Logistik, von LKWs bis Lagerflächen, das Handling enormer Hausratsmengen, die Bewältigung von Sprachbarrieren oder die Erstellung einer Dokumentation, die unter anderem als Nachweis für die ordnungsgemäße Ablieferung und Mittelverwendung diente.

Allein im ersten Projektjahr, im Jahr 2000, wurden 15 LKWs und Lastzüge mit über 1.300 Kubikmetern Hilfsgüter in den Kosovo transportiert und in (fast) jede Kommune ausgeliefert.

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In vielen Gesprächen konnten sich die Projektmitarbeiter vor Ort von den Lebensbedingungen der Rückkehrer überzeugen.
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Die Lebensbedingungen vor Ort

Schon im Vorfeld der Transporte war dem Aktion Hessen hilft e. V. wichtig, Erkundungen einzuholen und die Rückkehrbedingungen zu klären:

  • Konnten Personen einer bestimmten Ethnie in ihren Heimatort zurückkehren? 
  • Wie war die Sicherheitslage, wie die Verminung? 
  • Welches Ausmaß hatte die Zerstörung? 
  • Welche Wiederaufbauhilfen gab es? 
  • Wie war die wirtschaftliche Situation? 
  • Welches Warenangebot gab es?
  • Wie war die Gesundheitsversorgung? 
  • Konnten Kinder die Schule besuchen?

Es ging der Hilfsorganisation um mehr als nur darum, dass eine Rückkehr ohne Gefahr für Leib und Leben möglich war. Im Rahmen der Transporte bekamen die Projektmitarbeiter, die die Transporte begleiteten, einen guten Einblick  sowohl in die Region, als auch in die Lebensbedingungen vieler Flüchtlinge. Die vorher eingeholten Erkundungen bestätigten sich.

Es war zwar von vorn herein klar, dass die Lebensumstände der Rückkehrer nicht mit denen in Deutschland vergleichbar und alles andere als optimal sein würden. Teilweise kehrten die Flüchtlinge in halb verfallene Bauernhäuser auf dem Land, teils in Rohbauten in der Stadt zurück. Manchmal war das, was sie vorher besessen hatten, nicht mehr vorhanden. Die Lebensbedingungen waren oft einfach, gerade in den ländlichen Gegenden – aber sie unterschieden sich nicht vom Rest des Landes und die Wiederaufnahme der Rückkehrer in den großen Familien wirkte auf die Projektmitarbeiter meist herzlich. Es ging nicht nur um das Materielle – letztlich war es die Heimat der Flüchtlinge, in die sie endlich zurückkehren konnten. Das, was die Rückkehrer durch die Hilfe aus Deutschland mitbringen konnten, stellte für sie dabei eine wertvolle Starthilfe dar.

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Die Gütertransporte fanden auch in entlegendste Gebiete statt.
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Fortgang der Projekte

2001 legte das Land Hessen ein eigenes Rückkehrhilfeprojekt auf, an dem zahlreiche hessische Kommunen teilnahmen. 2002 fand ein weiteres Projekt des Landkreises Waldeck-Frankenberg für 50 Flüchtlinge statt und 2003 ein gemeinsames Projekt der Landkreise Fulda, Kassel, Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg und Werra-Meißner sowie der Stadt Kassel für 140 Flüchtlinge. Die Projekte wurden überwiegend von der EU kofinanziert.

Die Zielgebiete für die Rückkehrhilfen wurden über den Kosovo hinaus ausgedehnt und umfassten auch Serbien, Montenegro und Mazedonien sowie in Einzelfällen Bosnien-Herzegowina und Kroatien.

Bilanz der Projekte

Weit über 500 Flüchtlinge kehrten binnen drei Jahren freiwillig in ihre Heimat zurück. Die Landkreise finanzierten die Kosten der Rückkehrhilfeprojekte, die sich durch eingesparte Sozialleistungen amortisierten. 

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Die Übertragbarkeit der Projekte setzt u. a. eine Erreichbarkeit für Gütertransporte voraus, im besten Fall auf dem Landweg.
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Übertragbarkeit der Projekte

Die Grundvoraussetzung für den Erfolg der Rückkehrhilfeprojekte war eine Hilfsorganisation als Projektpartner, die mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut und in der Lage war, die Projektumsetzung organisatorisch zu bewältigen.

Zudem sind solche Projekte auf Länder beschränkt, die die nötige Sicherheit und eine Infrastruktur bieten, um akzeptable Lebensbedingungen für die Rückkehrer zu gewährleisten. Es muss eine Erreichbarkeit für Gütertransporte gegeben und die Anzahl der Beteiligten groß genug sein, um komplette Transporteinheiten (20 oder 40-Fuß-Container) zu befüllen. Das schränkt die Zielregionen ein.

Gleichwohl lohnt es sich, aufgrund des großen Mehrwertes für die Flüchtlinge und der damit verbundenen Akzeptanz, mit Organisationen wie der Aktion Hessen hilft e. V., die die nötige Erfahrung haben, über die konkreten Möglichkeiten der Durchführung solcher Rückkehrhilfeprojekte in Kontakt zu treten.

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