Ehrenamt Arbeitsmarktintegration
© Valeska Achenbach
SERIE: Rund um den 4. Gesellschaftlichen Dialog Migration & Integration

„Ausbildung und Arbeit für Flüchtlinge? – Ohne die Freiwilligen können Sie das vergessen!“

Bertelsmann-Studie: über bürgerschaftliches Engagement zur Unterstützung der Arbeitsmarktintegration

Circa 1,47 Millionen Geflüchtete kamen seit 2015 nach Deutschland, ein Großteil unter 30 Jahre alt – ein wichtiges Potential in Zeiten des demografischen Wandels und Fachkräftemangels. Mittlerweile hat jeder Vierte von ihnen Arbeit. Voraussichtlich 100.000 weitere werden im Jahr 2018 einen Beruf ergreifen. Wie gestaltet sich die Integration in den Arbeitsmarkt in Deutschland? Dieser Fragestellung widmet sich eine im September 2018 erschienene Bertelsmann-Studie. Besonderer Fokus: das Ehrenamt. In fünf lokalen Fallstudien wurden Bestandsaufnahmen des bürgerlichen Engagements vorgenommen, die Potentiale der Ehrenamtsarbeit herausgearbeitet und Handlungsempfehlungen für Kommunen gegeben.

In Potsdam, Hamburg, Augsburg, Dresden und im Schwalm-Eder-Kreis wurden im Rahmen der Studie insgesamt 88 Interviews mit 134 Freiwilligen, Flüchtlingskoordinatoren, Sozialarbeitern, Integrationsstellen und Unternehmensvertretern geführt. Die Nahaufnahmen der Ehrenamtsarbeit sollen verdeutlichen, wie Ehrenamtliche  Flüchtlinge auf Ihrem Weg in den Beruf unterstützen.

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In unserem Sozialsystem benötigen die Hauptamtlichen auch Freiwillige, weil ein solcher Personalmix eine fruchtbare Komponente zur Lösung sozialstaatlicher Herausforderungen sein kann.

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Beste Chancen mit staatlicher und ehrenamtlicher Unterstützung

Beim Ankommen der Flüchtlinge im Jahre 2015 ist ein aktives Potential der Flüchtlingshilfe durch Ehrenamtliche deutlich geworden. Auch die Arbeitsmarktintegration kann auf das „zusätzlich aktivierbare Potential“ zugreifen.“ Eines der großen Missverständnisse in der Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen ist die Vermutung, eine der beiden Seiten könne etwas ‚besser‘“, erklärt Dr. Gerd Placke, Verantwortlicher der Studie.

Ein großer Vorteil der Ehrenamtsarbeit ist die intensive und langfristige Unterstützung von Einzelpersonen beispielsweise durch Patenschaften. Diese Form der Hilfe ist allerdings eine begrenzte Ressource und nicht flächendeckend anwendbar. Dort kann das staatliche System greifen.

Komponenten und Dimensionen individueller Beschäftigungsfähigkeit
Komponenten und Dimensionen individueller Beschäftigungsfähigkeit
© Brussig und Knuth (2009): Individuelle Beschäftigungsfähigkeit: Konzept, Operationalisierung und erste Ergebnisse

Placke erklärt, dass eine Kombination der Maßnahmen des staatlichen Systems und ehrenamtlichen Strukturen die wohl beste Integration gewährleistet. Das freiwillige Engagement berücksichtige die persönlichen Aspekte der Betroffenen, während der Staat für die Kontinuität und die Fachlichkeit des Prozesses sorge. „In unserem Sozialsystem benötigen die Hauptamtlichen auch Freiwillige, weil ein solcher Personalmix eine fruchtbare Komponente zur Lösung sozialstaatlicher Herausforderungen sein kann.“ Ehrenamtliche Helfer können vor allem individuelle Fördermodelle umsetzen.

Höhere Bildungsschichten profitieren mehr

 

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Die Verhinderung von sozialen Selektionswirkungen ist nicht von heute auf morgen zu gestalten, es ist eine stetige Aufgabe des Netzwerkmanagements in diesem Fachgebiet.

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Aus den Expertengesprächen ergab sich, dass vor allem besser gebildete Flüchtlinge aus ehrenamtlicher Unterstützung Nutzen ziehen.

Der Integrationsweg ergibt sich erst durch verbesserte Deutschkenntnisse oder bereits vorhandener Fremdsprachenkompetenz wie Englisch oder Französisch. Damit verlängern die ehrenamtlichen Strukturen ungewollt die soziale Selektionswirkung des Bildungs- und Weiterbildungssystems.

 

„Die Verhinderung von sozialen Selektionswirkungen ist nicht von heute auf morgen zu gestalten, es ist eine stetige Aufgabe des Netzwerkmanagements in diesem Fachgebiet. Wesentlich wären dabei dialogisch entwickelte Zielsetzungen, die benachteiligte und beeinträchtigte Gruppen in die Integrationsarbeit einbeziehen“, erläutert Placke.

 

Aufgaben Ehrenamtlicher in der Arbeitsmarktintegration

Die Studie hat die Hauptaufgaben Ehrenamtlicher im Prozess der Integration in den Arbeitsmarkt präzisiert. Freiwillige begleiten Gänge zur Agentur für Arbeit und zum Jobcenter und unterstützen Flüchtlinge bei der Bewältigung bürokratischer Aufgaben wie zum Beispiel das Anerkennungsverfahren für Bildungs- und Berufsabschlüsse.

Des Weiteren unterstützen freiwillige Helfer die Geflüchteten im Bewerbungsprozess. Sie erstellen gemeinsam Lebensläufe und Anschreiben oder bringen die Flüchtlinge zum Vorstellungsgespräch. Auch die Berufsorientierung hat sich als eine Aufgabe der Ehrenamtlichen herauskristallisiert. Freiwillige helfen Geflüchteten vorrangig dabei, sich an Prozesse des deutschen Systems zu gewöhnen und diese zu meistern.

Außerdem treten Ehrenamtliche mit Unternehmen in Kontakt und wirken so als Moderator in der Vermittlung. Nach dem Berufseintritt kommt die Aufgabe des Konfliktmanagements zwischen Betrieben und Flüchtlingen hinzu. Auch innerhalb der Unternehmen können ehrenamtliche Strukturen greifen. Beispiele wären ein Mentoren-Programm oder informelle Paten- bzw. Partnerschaften.

Ehrenamt in Unternehmen
Auch innerhalb der Unternehmen gibt es ehrenamtliche Strukturen, welche die Flüchtlinge beim Berufseinstieg unterstützen. Beispiele wären Mentoren-Programme oder informelle Partner bzw. Patenschaften.
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Koordination von Ehrenamt nachhaltiger gestalten

Die freiwilligen Befragten der Studie beklagen, ehrenamtliches Engagement würde nicht genügend wertgeschätzt. Auch die finanzielle Förderung für Ehrenamt und die Hilfe beim Berufseinstieg seien bisher zwei getrennte Bereiche. Um zukünftig besser zu kooperieren, müssen alle Akteure in feste Routinen und Arbeitsprozesse eingebunden werden – Stichwort: Netzwerk-Management.

Um die Prozesse nachhaltig zu gestalten, sollen Koordinatoren einen gleichberechtigten Dialog der Integrationsbeteiligten sicherstellen. Das erfordert die Einrichtung einer Freiwilligenkoordination und entsprechende Veranstaltungsformate sowie die Selbstorganisation und Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf Seiten der Ehrenamtlichen.

„Gemeinsam hergestellte Zielsetzungen, Einsetzung einer „Kümmerer-Organisation“, die die Arbeit koordiniert, Einbeziehung wichtiger Persönlichkeiten der Kommunen als Repräsentanten oder Botschafter des Projektes, stetiger Dialog zwischen Freiwilligen und beruflich Tätigen“, nennt Placke als „Zutaten“ für eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen ehrenamtlichen und staatlichen Strukturen.

Die vollständige Studie können Sie hier einsehen:

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