Helikopter-Hangar
© Bundeswehr/Torsten Kraatz, www.flickr.com

Pitchen auf dem Heli-Hangar

Cyber Innovation Hub: Bundeswehr will mit spezieller Einheit Gründern näher kommen / "Nukleus für phatastisches Netzwerk"

Den Mut haben, zu experimentieren und sich auch mal in die falsche Richtung bewegen zu dürfen, um daraus zu lernen und es später besser zu machen. Für Versuch und Irrtum ist in der legalistisch geprägten öffentlichen Verwaltung in Deutschland traditionell kaum Platz. Das soll sich nun ändern – selbst bei der Bundeswehr.

Im Zweifel haben sich die Mitarbeiter an bürokratische Prozesse zu halten und müssen auf eine Entscheidung „von oben“ warten, bis die Dinge ihren „Gang gehen“.

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Wir können nicht warten, bis wir zufällig auf passende Startups treffen. Wir müssen auch selbst Defence-Entre-preneure werden.

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Dr. Ursula von der Leyen, Müncher Sicherheits-konferenz 2018

Neben der hierarchischen Struktur gelten weiterhin Maximen wie das Zuständigkeits-, das Sparsamkeitsprinzip oder das Schriftformerfordernis. Das macht die Verwaltung hierzulande sehr verlässlich, aber oft ebenso langsam. Das war auch früher schon kein Geheimnis, wird aber zunehmend zum Nachteil: Die tradierte Offline-Bürokratie ist der Digitalisierung samt neuer Ansprüche von Bürgern, Gesellschaft und Wirtschaft nicht gewachsen.  

Server-Raum mit Soldaten
Viel Notwendigkeit für gute Lösungen: Die Bundeswehr ist bundesweit ein führender Logistik- und IT-Dienstleister, Krankenhausbetreiber und größter Bildungsanbieter.
© Gorodenkoff/Shutterstock.com

Gesucht: bessere Ressourcen

Das gilt umso mehr für Bundeswehr und Bundesverteidigungsministerium (BMVg). Beide sind wohl stärker denn je darauf angewiesen, innovative Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Davon gibt es genug: Die Umstrukturierung der Truppe, der veraltete Maschinenpark und der demografische Wandel. Der Bewerber- und Fachkräftemangel bei anhaltenden Auslandseinsätzen und vielen regional unsicheren Lagen erfordern nicht unbedingt mehr, dafür aber bessere Ressourcen. Deshalb hat das BMVg vor einem knappen Jahr eine neue separate Beschaffungseinheit eingerichtet: den Cyber Innovation Hub (CIH).

Erste Aufgabe dieses Innovationslabors ist es, Startups zu suchen, deren Technologie und Leistungen der Bundeswehr in ihrer Aufgabenfülle helfen - und kooperieren wollen. Leiter des CIH ist Marcel „Otto“ Yon. Sein Anspruch lautet nicht weniger, als die Truppe zu einer höchst innovativen Institution in Deutschland zu machen.

Marcel "Otto" Yon
Fregattenkapitän: Marcel "Otto" Yon leitet seit vergangenem Jahr das Cyber Innovation Hub der Bundeswehr.
© Cyber Innovation Hub/BMVg

Yon bringt viele Erfahrungen mit und hat schon selbst gegründet

Als separate Einheit neben Bundeswehr und Ministerium besitzt der Hub mehr Freiraum, um kreativer zu denken und einige Dinge einfach mal auszuprobieren. Yon kennt das. Er kommt selbst aus der Entrepreneur-Szene, hat als Berater bei einer Investmentbank gearbeitet und um die Jahrtausendwende mehrere eigene IT-Firmen gegründet. Der Fregattenkapitän ist zudem Lehrbeauftragter für Innovationsmanagement und Entrepreneurship an der Universität Potsdam und u. a. Mitbegründer des Bundesverbands Deutsche Startups. Die Bundeswehr galt bislang nicht als attraktiver Markt für Gründer, soll es nun aber werden. 

Der Anreiz: kurzfristige Aufträge bis zu 200.000 Euro

Im Juni vergangenen Jahres fand der erste Startup-Pitch auf der Kieler Woche statt. Bei der Wahl einer passenden Szenerie war man originell: Der Hubschrauber-Hangar der Fregatte Mecklenburg-Vorpommern diente 20 Unternehmen dazu, ihre Innovationen zu präsentieren und mit Mitarbeitern der Bundeswehr ins Gespräch zu kommen. „Hauptsache digital“ war einzige Voraussetzung, um sich für das Event zu bewerben. Die Aussicht, durch überzeugende Konzepte kurzfristig Aufträge bis zu 200.000 Euro zu erhalten und Technologien schnell testen zu können, machte den Pitch offensichtlich attraktiv. Laut CIH hatten insgesamt 160 Unternehmen Vorschläge eingereicht.

Verwaltung und Entrepreneure – die Scheu verringern

Die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass der Link in die Startup-Szene absolut notwendig sei, um einen umfangreicheren Überblick über Innovationen und disruptive Ideen zu bekommen, sagt Marketing-Chef Oberstleutnant Florian Busch-Janser. Durch gemischte Gruppen, unkonventionelle Büros und insgesamt größtmögliche Freiheiten sei es gelungen, die Scheu zwischen Gründer-Community und öffentlicher Behörde bzw. gar militärischer Strukturen deutlich zu verringern.

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Wir sind definitiv auf dem richtigen Weg, aber wir können noch besser werden.

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Marcel "Otto" Yon

Veranstaltungen bis nach Texas

Bei einem Data Science Workshop im Oktober analysierten Gründer und Soldaten konkrete Probleme und Chancen, die Big Data bei militärischen Auseinandersetzungen verursacht. Zu Gast war Dr. Andreas Weigend, Experte für Data Science, Bestseller-Autor, früherer Chief Scientist von Amazon und Reservist des Cyber Innovation Hub. Auf der Digital Society Conference 2017 in Berlin kamen unter dem Titel „Reliability Reloaded“ Politiker und internationale Vertreter der Startup-Szene zusammen. Im Zentrum standen hier innovative Strategien für europäische Streitkräfte und neue Formen von Kooperation im Cyberspace. Und selbst im texanischen Austin hat der CIH einen Innovation Pitch auf der weltgrößten Digitalkonferenz SXSW organisiert, an dem sich auch seine Pendants aus NATO und den US-Streitkräften beteiligt haben.

Diskussionrunde zum Cyber Innovation Hub der Bundeswehr auf der Münchner Sicherheitsjkonferenz
Münchner Sicherheitskonferenz 2018: CIH-Chef Marcel Yon (rechts) in der Diskussion mit Vize-Admiral Joachim Rühle (2. v. r.), Ex-BILD Chef Kai Diekmann (2. v. l.) und dem früheren Bundeswirtschafts-minister Phillip Rösler.
© Michael Kuhlmann

Lösungen gegen Mini-Drohnen und Fake News

Übergeordnetes Credo all dieser Veranstaltungen: Das finden, was bislang noch gar nicht auf dem Radar ist. Mit den Ideen der Gründer „beschafft“ man Kreativität, die vom ersten Gedanken möglichst wenig durch die „konventionelle“ Sichtweise und bisherige Technologien eingeschränkt werden sollen. Neue „Erfindungen“, das können zum Beispiel Lösungen zur Abwehr von Mini-Drohnen oder Fake News sein. Mit einigen Jungunternehmern ist die Bundeswehr hier schon im Gespräch.

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Denn nur so können wir die Bundeswehr als ernstzunehmenden Accelerator in der Startup Community etablieren und gleichzeitig die Bundeswehr für das Potenzial der Startups begeistern.

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Marcel "Otto" Yon

„Wir sind definitiv auf dem richtigen Weg“, erklärt Yon, „aber wir können noch besser werden.“ Auftrag sei es, Startups und Bundeswehr zu vernetzen. „Wir haben in den zurückliegenden zwölf Monaten den Nukleus für ein phantastisches Netzwerk erschaffen, das unglaublich hohe Bandbreiten an Information übertragen kann.“

Spannende Ideen nicht vorbeiziehen lassen

Nun gehe es darum, die bestehenden Übergänge so leistungsfähig zu machen, dass es zu keinem „Ideenstau“ komme, so Yon. Dazu sei ein Verständnis beider Welten unablässig. „Denn nur so können wir die Bundeswehr als ernstzunehmenden Accelerator in der Startup Community etablieren und gleichzeitig die Bundeswehr für das Potenzial der Startups begeistern.“ Ansonsten sieht der Fregattenkapitän die Gefahr, dass die neu gestellten Erwartungen nicht zu erfüllen und spannende Ideen der Bundeswehr erst gar nicht mehr angeboten werden.

 

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